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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 219
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die unordentliche Schublade

Es war einmal eine Schublade, die gehörte einem Jungen, und niemand außer ihm durfte etwas hineintun oder herausnehmen, nicht einmal seine Mutter und ganz bestimmt nicht die Geschwister.

Eines Tages aber sah die Mutter, wie der Junge in der Schublade wühlte,um etwas zu suchen, das er offensichtlich nicht finden konnte.

»Was hast du denn auch für'n Krimskrams in deiner Schublade,« schimpfte sie in freundlich verweisendem Ton. »Ist ja kein Wunder, dass du dich selbst nicht mehr darin zurechtfindest.« Im selben Augenblick zog der Junge einen Tilltopp-Kreisel aus dem Durcheinander von kleinen Plastikautos, Spielzeugfiguren, Fahrrad-Flickzeugdose, altem Schülerkalender, Wimpel, kaputtem Taschenmesser und verschiedenen anderen Artikeln, die die Mutter trotz ihrer schnellen Aufmerksamkeit gar nicht alle erkennen konnte.

»Ich finde alles in meiner Schublade. Du brauchst sie wirklich nicht zu ordnen. Ich bitte dich, so liegt alles, wie es sich selber eingepasst hat, schön locker.« In nicht klar formulierten Gedanken oder vielmehr Gefühlen fügte er für sich hinzu: »Und es ist so schön geheimnisvoll. Wenn man selber nicht mehr weiß, was man hineingesteckt hat, entdeckt man immer mal wieder etwas Verlorenes. Das macht Spaß. Naja, vorher hab ich mich natürlich geärgert, weil es anscheinend verschwunden war. Aber ich suche ja gern, vor allem in meiner Schublade, die hat mich noch nie im Stich gelassen.«

Die Mutter aber dachte: »Der Junge ist wohl nicht gescheit. Diese Kinder. In dem Alter wissen sie selber noch nicht, was ihnen guttut. Ich werde die Schublade aufräumen, wenn er weg ist. Nachher freut er sich, dass alles seinen eigenen Platz hat, ohne dass ich ihn damit belästigt habe, seine Sachen selber in Ordnung zu bringen.«

Als der Junge mit seinem Tilltopp und der dazugehörigen Peitsche, die er hinter dem Schrank versteckt hatte, gegangen war, machte sich die Mutter gleich ans Werk.

Doch die Schublade, die alles mit angehört hatte und die ein feines Gefühl hatte für die Art, wie man mit ihr umging, legte sich quer, nur ein ganz klein wenig, so dass es der Mutter nicht gelang, sie aufzuziehen. Im Gegenteil, indem sie es drückend und rüttelnd immer wieder versuchte, machte sie auch den Inhalt der Schublade rebellisch, so dass er sich sträubte und sich alles verklemmte, wodurch die Lade ganz unbeweglich wurde, starrer als wenn ein Schloss sie festgehalten hätte.

Kleinlaut gab die Mutter auf. Als aber der Junge zurückkehrte und

seinen Tilltopp wieder in die Lade legen wollte, öffnete sie sich wie immer. Dabei war er gar nicht sanfter als seine Mutter; er kannte sie eben besser, seine Schublade.

 


 

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