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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 217
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der abgebrochene Schraubenzieher

Es war einmal ein Schraubenzieher, der verrichtete seine Arbeit immer erfolgreich und fröhlich:

»Wenn ich richtig aufdrehe,« pflegte er zu sagen, »hol ich die verbohrtesten Schrauben aus der Fassung.«

Dabei kam er sich vor wie ein Befreier, obwohl er die Schrauben vorher selber eingesetzt hatte. Aber das musste sein:

»Wenn sie neu sind,« verteidigte er sich gegenüber der Kneifzange, die mehr fürs 'Herausziehen war, »müssen sie etwas leisten, später kann man sie ja durch andere ersetzen.«

Die Kneifzange missbilligte eine solche widersprüchliche Doppelfunktion, wusste aber aus gelegentlichen Gesprächen mit neuen und alten Schrauben, dass der Schraubenzieher Recht hatte. Die Schrauben wollten sich selbst erst durch's Leben winden, um später im Ruhestand von ihren Erlebnissen erzählen oder wenigstens träumen zu können.

Eines Tages aber brach die Spitze des Schraubenziehers ab, und er war nicht mehr zu gebrauchen. Der Bastler wollte ihn wegwerfen, da sah er auf der Fensterbank seines Hobbyraumes einen Blumentopf mit einer vergammelten Pflanze.

»Wer weiß, ob ich den Schraubenzieher nicht doch noch mal gebrauche,« sagte er sich, »ich steck' ihn erstmal in die Blumenerde.«

»Ja,« sagte die ausgetrocknete harte Blumenerde zum Schraubenzieher, »das tut gut. Kannst du nicht ein bisschen um meine Pflanze kreisen, damit ich rundum aufgelockert werde?«

Der Schraubenzieher begriff sofort, dass ihm hier eine neue Aufgabe zuwuchs. Mit scharrendem Gesang zog er schmale Furchen um die darbende Blume und lockerte die Erde, so dass sie befreit aufatmen konnte.

Als der Schraubenzieher mit seiner Arbeit fertig war, blieb er schräg wie ein Pfeil stehen. Dadurch fiel er der Hausfrau auf, als sie den Hobbyraum säuberte.

»Ich wusste gar nicht, dass hier ein Blumentopf steht,« murmelte sie vor sich hin und wunderte sich über ihre Nachlässigkeit, »ich glaube, der braucht dringend Wasser.«

Sie begoss die Pflanze, so dass diese nun alles hatte, was sie zum Leben brauchte. Sie reckte sich, stand gähnend auf und erwachte dann zu einem neuen blühenden Leben.

 


 

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