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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 214
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
typefable
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Der ehrgeizige Schlüssel

Es war einmal ein Schlüssel, der war so feinfühlig, dass er jede Erhebung und jede Vertiefung seines Schlosses genau spürte. Deshalb ging das Schloss immer sehr freundlich auf ihn ein, ohne Widerstand zu leisten. So lebten die beiden jahrelang in arbeitsamer Harmonie zusammen.

Trotz dieser Eintracht war dem Schlüssel das Leben auf die Dauer zu eng. Er wollte auch für andere Schlösser gut sein und mit ihnen größere oder schönere oder jedenfalls interessantere Türen auf und zu machen. Mal reizte ihn die Haustür, mal die schmiedeeiserne Gartenpforte, mal die Geldkassette. Und so mogelte er sich immer dann in die Hand des Menschen, wenn dieser gerade eine von ihm begehrte Tür öffnen wollte.

Doch immer, wenn er für einen anderen Zweck benutzt wurde als den, für den er bestimmt war, zeigte er sich wertlos, selbst ein gewöhnlicher Dietrich, ein Stück zurechtgebogener Draht übertrafen ihn in ihrer Mehrzweckfähigkeit.

Da der Schlüssel seinen Ehrgeiz nicht aufgab, nützten ihn die hoffnungslosen Versuche immer mehr ab und verformten ihn. Schließlich passte er auch nicht mehr in sein eigenes Schloss und wurde weggeworfen. Jetzt spielen die Kinder damit, aber nur zum Spaß, öffnen und schließen kann er auch für sie nichts mehr.

 


 

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