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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 208
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der zerstörte Sandweg

Es war einmal ein Sandweg, der lief schon ewig hin und her durch einen großen Wald, immer dieselbe Strecke. Er war seitlich ausgefranst wie ein alter Grasteppich, innen hatte er an warmen Tagen Buckel und Mulden, bei Regenwetter aber löste er sich auf und verwahrte das Wasser in allen tieferen Stellen, so dass die Tropfen darin aufsprangen, als wollten sie zu ihrer Wolke zurück. Nach dem Regen spiegelten die glatten Pfützen die Zweige der überragenden Bäume und den hellen oder auch dämmerigen Himmel dazwischen.

Es war dem Sandweg sehr angenehm, sich dem Wetter anzupassen und zum Spiegelbild der oberen Regionen zu werden. Die Menschen aber, die gerne auf ihm spazieren gingen, beklagten seine Holperigkeit und ärgerten sich nach nassen Tagen über die matschigen Stellen, die sich so zahlreich aneinander reihten, dass man nicht einmal hüpfend vorankam, ohne sich zu bespritzen oder sogar ganz danebenzutreten und hineinzufallen.

Eines Tages beschloß die Gemeinde, den Wald besser zu erschließen und den Sandweg mit Asphalt zu belegen. Als der Sandweg das hörte, zuckte er zusammen, überlegte sich aber dann in aller Ruhe, wie abwechslungsreich sein künftiges Leben würde, wenn man ihn für das moderne Leben festigte und ihm den richtigen Halt gab. Ja, je mehr er sich an den Gedanken gewöhnte, umso angenehmer nistete sich die Vorstellung ein, er könnte doch als kleine Teerstraße viel mehr bieten als bisher. Viel mehr Menschen würden auf ihm wandern, und sogar Autos, Motorräder und Fahrräder würden ihn benutzen und loben.

So kam es, dass der Sandweg alle Baumaßnahmen geduldig über sich ergehen ließ. Am schmerzlichsten empfand er das Auskoffern und Einebnen; die Hitze des Teers machte ihm auch zu schaffen, aber sie dauerte ja nicht so lange wie die der Sonne, wenn diese an wolkenlosen Sommertagen senkrecht über der Schneise stand. Was den Sandweg auf die Dauer am meisten bedrückte, war das Gewicht seiner Panzerung, das sich gerade durch die herbeigewünschten Fahrzeuge noch vermehrte, mal tat es hier weh, mal da.

Ein Trost schien zu sein, dass die Straßenfläche bei Regenwetter und auch bei dichtem Nebel schön glänzte und fast so klar spiegelte wie zuvor die Pfützen. Aber nein, kaum guckte die Sonne durch den Wolkenvorhang, um seinem alten Freund schelmisch zuzulächeln, war er auch schon wieder stumpf und stumm. Das Wasser verlief so schnell, dass es nur noch zur Selbstbespiegelung des trüben Wetters zur Verfügung stand. Wenn es schön wurde, war die Straße gleich wieder trocken und tat knöchern ihren Dienst.

Der alte Sandweg kannte sich selbst nicht mehr. Unter seinem Asphaltschild träumte er sehnsüchtig von der weichen Zeit, die sich so tief in ihn eingeprägt hatte und die sein Herz noch immer mit geliebten Bildern füllte. Schwer atmend versuchte der Weg, ihnen Platz zu machen. Er dehnte die lange Brust und ließ sie tief wieder zusammensinken, um sie nur noch kräftiger zu heben.

Da brach schließlich die Asphaltdecke. Es entstanden kontaktfreudige Risse, die gleich wieder die alte Verbindung zu Sonne, Wind und Regen herstellten und sich gerne ausweiten ließen.

Die Gemeinde war nicht besonders reich, sie vernachlässigte die Reparatur der kleinen Straße trotz der Beschwerden der Fußgänger, denn sie hatte inzwischen eine Umgehung gebaut, so dass die Motorisierten nicht mehr durch den Wald mussten, auf die Spaziergänger kam es nicht so sehr an.

Das war ein Glück für den Sandweg, der immer mehr zu sich selbst kam. Und doch wurde er nie wieder der alte. Die Risse und Brüche öffneten ihn zwar für die altvertraute Natur, aber er wurde nie wieder ein unbescholtener Teil des Waldes.

 


 

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