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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 201
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der langweilige Reis

Es war einmal ein süßer Reis, der siedete heiß in einer weißen Porzellanschüssel vor sich hin und blies Trübsal:

»Ach, ist das Leben eintönig,« seufzte der Reis und schaute zur weißen Zimmerdecke. »Ob es wohl jenseits meiner weißen Mauern auch so langweilig ist? Ich sollte einmal nachsehen.«

Dieser Gedanke erfüllte den Reis so sehr, dass er ganz locker davon wurde und es ihm leicht fiel, über den Rand zu steigen und auf den Tisch zu rinnen.

Von hier aus bot sich das Leben freilich ganz anders dar. Nun sah der Reis farbig beblümte Nachtischteller auf einer erdbraunen Tischdecke. Sie sah eine weiß-rote Zuckerdose und ein gelb verziertes Zimt-Töpfchen, daneben erhob sich eine gelb-braune Kakao-Schachtel. Um den Tisch standen beigefarbene Stühle auf abwechselnd schwarzen und braunen Küchenplatten. Am Horizont stellte die Tapete gras- und blumenreiche Wiesen dar, und die Kacheln über Herd und Kühlschrank zeigten blaue Bilder kochender Hausfrauen.

»Das Leben ist bunt,« wunderte sich der Reis, »die Langeweile kommt aus mir selber, nicht von außen. Es liegt an mir, meine Eintönigkeit zu beleben.- Wenn ich doch wenigstens zweifarbig wäre!«

Bei diesem Wunsch fiel sein Blick auf das Zimt-Töpfchen. Das stand aber so abweisend da, dass der Reis den Gedanken, sich ihm zu nähern, gleich wieder aufgab. Dann reizte ihn der Kakao. Dessen Pappmantel schien ihm weniger undurchdringlich zu sein. Also machte sich der Reis auf den Weg und umschlang den Boden der Schachtel mit noch immer recht heißem Gefühl. Und die Schachtel ließ sich erweichen. Ja, sie löste sich auf, und der Kakao rieselte dem Reis entgegen, um sich mit ihm zu verbinden.

»Was ist das!?« riefen die Kinder. »Gibt es heute Reis mit Kakao?

Lecker!«

Nachdem sie allerdings Klumpen in den Mund bekommen hatten, die halb aus Reis, halb aus Kakao bestanden, mischten sie sich den Nachtisch nach eigenem Geschmack. Dabei nahmen sie viel von dem süßen Weißen und wenig von der zauberhaften Würze des Braunen; so bekam er Farbe, der süße Reis.

 


 

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