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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 198
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der beraubte Räuber

Es war einmal eine hungrige, aber flügellahme Ameise, die hatte gar keine Lust und auch nicht mehr viel Kraft, sich ihre Insektenspeise aus der Luft zu holen, und auf der Erde lag gerade nichts herum.

»Ach was,« sagte sie zu ihrem Freund, »ich geh' mal rüber zu Tante Sonnentau, die hat immer ein paar Kleinigkeiten auf Lager.«

»Und du glaubst, sie reserviert ihre Vorräte ausgerechnet für dich? Also, wie ich diese fleischgierige Pflanze kenne, fängt sie ihre Opfer zwecks eigener Verdauung, und wenn du sie dabei belästigst, greift sie mit ihren klebrigen Fangarmen auch nach dir, um dich zu verzehren.«

»Ich bin doch kein Anfänger, den Tentakeln weiche ich schon aus, und wenn ich doch etwas von dem Klebstoff abkriege, putze ich mich und rutsche wieder glatt durch die Sperranlage vorwärts.«

»Mach, was du willst. Das heißt, wenn's dir nicht zu viel wird, kannst du mir ja `nen Happen mitbringen!« rief der Freund ihr nach, denn sie bahnte sich schon einen Weg durch die Gräser, die ihr vorkamen wie Urwaldbäume.

Als die Räuberin auf den Sonnentau eindrang, hatte diese gerade erst Besuch bekommen: Eine ungeschickte Fliege hatte sich auf einem der Blätter niedergelassen und war gleich von den Fangarmen umschlungen worden.

»Nun,« dachte die Ameise in einer Art Grabrede an die Fliege, »du bist im richtigen Augenblick gekommen. Ich weiß doch, dass die gute Tante ihre Opfer immer fester umklammert, so dass man es ihr schließlich nicht mehr entreißen kann. Jetzt bist du gerade passend für mich vorbereitet, tot, aber noch nicht gefesselt und verdaut.«

Die Ameise wurde angesichts des bevorstehenden Fressvergnügens ausgesprochen emsig. Sie schnappte sich die Fliege und schleppte sie davon. Dabei ging sie rückwärts und keuchte vor Eile, denn sie wollte ihrem Freund möglichst schnell von dem köstlichen Abenteuer und der köstlichen Beute erzählen und ihm auch gern etwas abgeben. Doch in ihrem Eifer überhörte sie das gewandte Trippeln eines Laufkäfers. Und als die Ameise ihre Fliege einmal kurz losließ, um zu verschnaufen, schwups, packte der Käfer zu und riss die Beute an sich. Er verschwand damit, bevor die verblüffte Ameise abgewogen hatte, ob es sich wohl lohnte, um die Fliege zu kämpfen. Sie kam zu dem Ergebnis, das sei zu mühsam, es war aber inzwischen auch zu spät.

Zum Glück krabbelte ihr Freund ihr entgegen.

»Was soll's,« tröstete er den beraubten Räuber, »ich lade dich in

meinen Pilzgarten ein. Den klaut uns keiner und der läuft uns nicht weg. Wenn wir gegessen haben, melken wir noch eine unserer hübschen Blattläuse, und dann gehen wir bummeln.«

 


 

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