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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 19
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der gereizte Biber

Es war einmal ein Biber, der tat eifrig und gut gelaunt seine Arbeit. Obwohl er nur 75 Zentimeter lang und 30 Zentimeter hoch war und nicht gerade wie ein Kraftprotz aussah, legte er doch in einer einzigen Nacht zehn Bäume um; sogar 40 Zentimeter dicke Bäume zitterten vor seinen Zähnen.

Eines Morgens kam eine schlecht gelaunte Krähe schwarz-drohend dahergeflogen und störte den Biber, der eben sein Nachtwerk beenden wollte.

»He, du Plattschwanz, was hast du hier zu suchen? Willst uns wohl die Landschaft zerstören. Ich kenne euch. Ihr werft die schönsten Bäume in den Fluss, um einen Damm hindurchzulegen, ihr Quertreiber. Damit ihr gemütlich wohnen könnt, bringt ihr den Wasserstand durcheinander. Was natürlich nach unten fließen will, staut ihr zurück, dass es strudelt. Auf den Protest der Wellen pfeift ihr. Deshalb will ich dir sagen, was sie vor lauter Schlucken und Gurgeln nicht formulieren können: Gemeine Wilddiebe seid ihr, wenn ihr auch keine Tiere jagt, sondern Bäume vernichtet. So, jetzt weißt du's. Jetzt geh` zu deinen Leuten und sag'ihnen, dass ihr hier verschwinden sollt, sonst könnt ihr 'was erleben.«

Der verdutzte Biber, der noch eine halbe Birke im Maul hatte und quer vor sich her schob, schnaubte verächtlich aus den Maulwinkeln, denn er wollte sein Bauholz nicht loslassen, um seine Zeit mit einem übellaunigen, aggressiven Schwarzseher zu vertrödeln. Für sich aber dachte er:

»Du Heini! Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten. Wir sind so natürlich wie du und die Bäume und der Fluss. Und wenn wir uns hier häuslich einrichten, ist das unser gutes, altes Naturrecht. Eigentlich müsstest du wissen, du Wendehals der Weisheit, dass unsere Pelze bei den Menschen so begehrt sind, dass sie uns reihenweise dahinschlachten. Stell' dir vor, wir wohnten frei und offen an der Oberfläche, wir hätten doch überhaupt keine Überlebenschancen. Im übrigen lassen wir in jedem Damm einen Ablauf, so dass sich das Wasser einen Weg bahnen kann und nicht über die Ufer ausweichen muss.«

Die Krähe, die nichts von diesem Gedanken-Selbstgespräch wusste, sah nur, dass der Biber unbekümmert weiterarbeitete. Erbost darüber, dass ihre Mahnung nichts bewirkt hatte, flog sie zu ihrer Sippe und rief alle zu einem Protestflug auf:

»Wir müssen diese Umweltzerstörer bombardieren!« rief sie. Und da ihr Wort in der Luft mehr galt als auf der Erde und da ihre Angehörigen sowieso nichts Besseres zu tun hatten, ließen sie sich gern aufwiegeln und flogen los wie ein riesiges Geschwader kleiner Flugzeuge.

Über dem Dorf der Biber ließen sie dann ihren Unrat fallen, so dass sie die ganze Gegend verpesteten.

Die Biber aber tauchten unter und reinigten sich von selbst, wenn sie im Fluss arbeiteten. Wenn sie aber neue Bäume brauchten, watschelten sie ein Stückchen weiter als bisher, bis zur dreckigen Wohnkolonie der Krähen watschelten sie und nagten alle Bäume ab, in denen die missgünstigen Vögel ihre Nester gebaut hatten. Es waren aber noch keine Eier darin.

»Jetzt wird der Blödmann wohl merken, wie nützlich wir gerade auch für Krähen sind,« nuschelte der Biber, »wenn wir nämlich unserer natürlichen Aufgabe nachgehen und nicht die Bäume der Vögel fällen.«

 


 

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