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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 189
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die ururalte Phrase

Es war einmal eine Phrase, die war schon fast 2500 Jahre alt und doch so jung und so frisch wie Quellwasser, das immer wieder zum Himmel dunstet und aus den Wolken neu geboren wird.

Die Phrase ging aber in immer derselben Kleidung durch das Leben der Menschen. Und da sie ständig weitergegeben wurde, schabte die Kleidung ab, glänzte unnatürlich an den Griffstellen, zerknautschte und bekam Löcher. Deshalb kam die Phrase in den Ruf, ein alter Gammler zu sein, den man in ein Heim stecken müsse. Besonders die jungen Menschen wichen ihr aus, zumal da diese schludrige Ahnen-Weisheit sich von Fall zu Fall als Wegbereiter aufspielte.

»Mann, Alter, dein Bart ist so lang wie die Geschichte der Menschheit, pass auf, dass du nicht darüber stolperst,« sagten sie freundlich spottend. »Wir jedenfalls wollen uns nicht darin verheddern. Stell dich lieber zu den grauen Bäumen am den Straßenrand und trink ihren Frühlingssaft. Vielleicht macht der dich wieder jung.«

Dabei lachten sie und gingen alleine voran.

Eines Tages aber kam einer und sah die Weisheit, die so rein und ewig jung durch das zerschlissene Gewand des Alten blinkte.

»Komm' her,« sagte der naiv-gläubige Jüngling, »ich kleide dich neu ein. Ich glaube, dass ich mit dir noch Staat machen kann.«

Er dachte nach, bis er die richtigen Worte fand. Und die Worte waren so froh, einen so bedeutenden Sinn zu bekommen, dass sie sich zu einem Design verbanden, in dem Form, Farbe und Inhalt sich spielend reimten.

Nun stand die alte Phrase plötzlich da wie ein Zauberer, der aus allen Bächen, Pfützen und Seen köstliches Lebenselixier schöpfte, das die Menschen ihm gerne abnahmen, auch die jungen, aber sie erkannten ihn nicht.

 


 

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