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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 187
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die befreundeten Pflanzen

Es war einmal ein Blumentopf mit zwei lebensfrohen Pflänzchen. Sie reckten sich wohlig im Sonnenlicht, das auf die Fensterbank fiel, und streckten ihre Glieder in der wachstumsfreundlichen Wärme. Gerne teilten sich die beiden Plänzchen den Platz im Blumentopf. Ja, sie freuten sich beide über ihre Nähe und ließen sogar manchmal kosend ihre Blätter aneinander entlanggleiten, ein zarter Kuss im Windhauch zwischen Heizungsluft und Zugluft aus dem Fenster.

Aus den glücklichen Pflänzchen, die von der Hausfrau gemeinsam und gleich fürsorglich aufgezogen wurden, entwickelten sich immer kräftigere Pflanzen. In ihrem kraftstrotzenden Übermut wollten sie sogar gemeinsam den Blumentopf sprengen und sich auf den Weg in den Garten machen, um sich dort richtig ausbreiten zu können, vielleicht sogar als Herren eines Beetes oder gar des ganzen Gartens. Der Topf aber ließ sich von so jungen Dötzen nicht aus der Ruhe bringen.

Die Pflanzen wuchsen weiter. Die Hausfrau hatte längst beschlossen, sie auseinanderzunehmen und getrennt in größere Töpfe zu setzen, damit sie sich besser entfalten könnten. Doch sie kam und kam nicht dazu.

Eines Tages, genau genommen war es in einer ganz bestimmten, aber nicht feststellbaren Sekunde, kippte das gleiche Recht der beiden Pflanzen. Da der Topf für beide zu klein war, musste eine sich gegen die andere durchsetzen. Beide waren aber gleich stark. Nur ein Zufall, ein bisschen mehr Dünger, ein bisschen mehr Sonne, ein bisschen mehr Wasser, förderte die eine Pflanze ein bisschen, ein ganz kleines bisschen mehr als die andere. Kaum aber hatte sie diesen winzigen Kraftvorteil, so nutzte sie ihn, um ihn zu vergrößern und damit sich selbst einen größeren Wachstumsvorsprung zu verschaffen. Sie nutzte ihn aber nicht aus Bosheit gegen den Freund. Sie konnte selber nicht anders: sie musste wachsen wie sie nunmal wuchs.

Als diese Pflanze den Jugendgefährten schließlich um die Höhe des Blütenkopfes überragte, neigte sie sich eines Abends demütig zu ihm herab und flüsterte ganz traurig:

»Es tut mir leid, dass ich so groß geworden bin. Ich wollte dich weder verdrängen noch unterdrücken. Ich wollte nichts anderes als du auch: mich entwickeln, wie uns das angeboren ist. Das Schicksal hat mich über dich erhoben, nicht mein Ehrgeiz.«

»Nun gut,« sagte der zwar bedrückte, aber doch gutwillig duldende Freund, »ich will dir keine Vorwürfe machen. Du hast mich abgedrängt, weil du musstest. Ich kenne die Naturgesetze so gut wie du. Du konntest nicht anders, klar. Aber nun kannst du für mich sorgen. Wenn ich schon kleiner bin als du, dann sei du mein Beschützer und Betreuer. Mach das Beste aus deiner unfreiwilligen Rücksichtslosigkeit, beschirme mich, wenn die Sonne zu heiß scheint, und sauge mir das Wasser weg, wenn uns aus Versehen die Tochter begießt, nachdem die Mutter uns schon versorgt hat.«

Die große Pflanze richtete sich wieder auf und spreizte sich, so dass sie sehr stolz und eitel aussah. Sie stand aber da wie ein General, der einen Künstler bewacht. Einen Rangunterschied gab es zwischen den beiden nicht, und so blieben sie Freunde.

 


 

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