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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 186
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die brennende Pflanze

Es war einmal ein Feld mit großen, aber auch vielen zarten jungen Pflanzen, die waren immer gut gelaunt und ließen es die anderen merken. Sie lächelten und grüßten ohne Übermut und nicht etwa, um auf sich selber aufmerksam zu machen, sondern aus unbekümmert-liebevoller Hingabe. Kein Wunder, dass sie sich auch bei den Menschen beliebt machten und dass diese sie pflückten, um sie zu Hause in ihren Zimmern aufzustellen.

»So geht das nicht weiter,« sagte eines Tages eine Pflanzenmutter zu ihrem Kind, »wenn wir nur immer freundlich und lieblich sind, werden wir ausgerottet. Uns Alte will kaum jemand haben, wir haben ja auch vorgebeugt, aber ihr Kleinen seid doch sehr gefährdet.«

»Warum will denn euch keiner haben?« erkundigte sich die Pflanzentochter, »ihr seid doch viel stattlicher und schöner als wir.«

»Du Naseweis,« schalt die Mutter zärtlich, »du weißt sehr gut, dass wir keine Zukunft haben – und dass wir brennen, wenn uns einer zu nahe kommt. Darum geht es mir: Du musst lernen, dich zu wehren. Du musst Brennhaare entwickeln, die sich in die Hände der Menschen stechen, um einen ätzenden Saft hineinzuspritzen.«

»Aber das ist gemein. Ich will keinem wehtun. Typisch Erwachsene. Ohne Krieg könnt ihr wohl nicht leben.«

»Aber Kind, wir wollen doch keinen Krieg. Wir schlagen nur zurück, wenn wir angegriffen werden. Wir machen uns unbeliebt, das ist alles. Nur so können wir uns schützen.«

»Ich will aber nicht unbeliebt sein.«

»Willst du lieber geknickt und abgebrochen werden, um in einer Blumenvase zu verwelken, in der artfremden Luft der Menschen?«

»Nein, das auch nicht!« stieß die Kleine trotzig hervor und wusste in diesem Augenblick kaum, ob es der Mutter, den Menschen oder gar sich selber trotzte. »Ich will hier bleiben und trotzdem beliebt sein.«

»Sicher doch, liebes Kind, das sollst du auch. Warte's nur ab. Alle deine Kameradinnen und Kameraden lernen von ihren Eltern, dass sie Brennhaare brauchen, um sich vor Menschen und Tieren unsympathisch zu machen und abzusichern. Gegenseitig werdet ihr in alter Jugendfreundschaft beisammen bleiben. Nur so könnt ihr miteinander großwerden, ohne dass man ganze Gruppen von euch pflückt oder frisst.«

»Dann muss mir das genügen,« gab die Kleine nach und wurde eine Brennnessel die man nur noch mit Handschuhen anfassen konnte.

 


 

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