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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 184
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das bildungshungrige Pferd

Es war einmal ein Pferd, das wollte sein wie die Menschen. Immer wenn es in deren Nähe kam, beäugte es ihr Verhalten. Da seine Lieblings-Freizeitbeschäftigung darin bestand zu fressen, um die durch Arbeit verlorene Energie neu zu gewinnen, achtete es besonders auf das, was die Menschen zu sich nahmen. Dann lehnte es Heu und Hafer ab und wollte nur noch das speisen, was sein Herr ihm von den Resten aus seinem eigenen Kochtopf vorsetzte. Es schmeckte dem Pferd aber nicht besonders, so dass es schließlich wieder die gewohnte Kost annahm, zumal da es merkte, dass es den Menschen durch die Grundnahrungsmittel nicht ähnlicher wurde. Ansonsten ließ das Pferd aber in seinen Bemühungen nicht nach.

Endlich fiel ihm auf, dass der Unterschied zwischen Menschen und Tieren geistiger Natur war. Darauf pochten sein Herr und dessen Familie ja gelegentlich auch selber, um zu rechtfertigen, dass sie ihrem Pferd die Zügel anlegten. Das Geheimnis, wie die Menschen zu dem Geist kamen, oder vielmehr, wie der Geist zu den Menschen kam, war nicht schwer zu erraten: Es lag im Papier.

Alle Beobachtungen des Pferdes liefen darauf hinaus, dass diejenigen Frauen, Männer und Kinder die klügsten waren, die oft ein Buch, eine Zeitschrift oder eine Zeitung in Händen hielten, um ihre Inhalte in sich aufzunehmen. Man konnte auch diejenigen nicht ausschließen, die dauernd vor dem Fernsehgerät oder vor einem Radio saßen. Aber Radios und Fernsehgeräte kann man nicht verschlingen.

Deshalb beschloß das Pferd, sich fortan alle bedruckten Papiere einzuverleiben, die es erreichen konnte und die halbwegs zu genießen waren.

Tatsächlich kam es sich von nun an tagtäglich etwas klüger vor. Doch leider ging das Einnehmen der Druck-Erzeugnisse einher mit Magengrimmen. Ja, man konnte die Möglichkeit nicht ausschließen, dass nur die Magenschmerzen den geistigen Organismus des Pferdes so anstachelten, dass es sich intelligenter vorkam als je zuvor.

Dieser Preis war dem armen Tier auf die Dauer zu hoch. Es musste auch einsehen, dass es keine Worte fand, seinem neuen geistigen Zustand Ausdruck zu geben, denn für die Menschen war sein frischeres, aufbegehrenderes Wiehern nur ein Zeichen besserer Gesundheit und insofern auch noch trügerisch.

Nach einer Woche schwer ertragener Magenleiden, die von keiner spürbaren Anerkennung belohnt wurde, gab das Pferd seinen Geist auf und starb.

 


 

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