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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 180
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der geflohene Paradiesvogel

Es war einmal ein Paradiesvogel, der trug ein so prächtiges Gefieder, dass die Menschen ihn liebevoll bewunderten und sich nicht von ihm trennen wollten. Damit er nicht davonflog, sperrten sie ihn in einen Käfig. Sie fütterten und tränkten ihn, und manchmal sprachen sie auch mit dem goldbunten Vogel.

Eines Tages aber vergaß eines der Kinder, den Käfig zu schließen.

»Was für eine Gelegenheit!« dachte der Vogel. »Jetzt kann ich endlich fliehen!«

Schnell schlüpfte er durch das Käfig-Türchen, huschte über den Tisch und verschwand durch das angekippte Fenster.

Draußen flog der Paradiesvogel in seligen Bögen auf und ab und rund um das Haus. Er ließ den Frühlings-Sonnenschein von allen Seiten ins Gefieder dringen, so dass ihm war,als wäre das Leben draußen ganz und gar warm und liebenswürdig. Bald jedoch ließ die Kraft des Göttervogels nach, denn er war es nicht gewohnt umherzufliegen. Auch begann sein Magen zu schmerzen, weil er Hunger bekam.

»Nun,« sagte sich der Vogel, »das ist kein Problem. Es gibt ja genug Bäume, auf denen ich mich ausruhen und dann Futter suchen kann.«

So ruhte sich der Vogel aus und pickte Insekten aus der Rinde, um sich zu sättigen. Dann flog und segelte er wieder glücklich zwischen vielen Blütenblättern durch die Luft, frei wie der warme Wind.

Als es Nacht wurde, die in ihrem dunklen Mantel eine bösartige Kälte heranschleppte, von der die Sonne nichts wissen durfte, wollte der goldene Vogel durch das angekippte Fenster ins Wohnzimmer heimkehren. Doch die Menschen hatten die Kälte geahnt und ihr Haus lückenlos geschlossen.

In seiner Not kroch der frierende Paradiesvogel in einen Pappkarton, den jemand in einer Ecke der Gartenlaube vergessen hatte. Er konnte aber nicht einschlafen, weil ihm noch immer kalt war. Außerdem rumorte die ungewohnte Nahrung in seinem Bauch, als lebten die vertilgten Insekten noch und wollten sich befreien.

Der goldene Vogel bewegte sich so unruhig hin und her wie ein Mensch, der sich die Beine warmtreten will. Das hörte die Katze. Sie schlich auf den weichen Ballen ihrer Pfoten heran und wollte eben mit einem flinken Hieb zugreifen, als ein ferner Ruf aus der Luft sie zögern ließ – und gleichzeitig den Vogel veranlasste aufzumerken. So entkam er dem Raubtier.

In der nur spärlich von schlecht gelaunten Sternen erhellten Nacht wäre der Vogel beinahe gegen das Gestänge der Laube geflogen,er kam aber doch glücklich daran vorbei. Da sich der Göttervogel in der freien Natur nicht auskannte, flog er in die Richtung, aus der ihn der warnende Vogelruf gerettet hatte. Er ahnte nicht, dass der Ruf von einem verärgerten Steinkauz gekommen war, der vergeblich Mäuse gejagt hatte und nun nach Ersatz äugte. Als die Eule den goldbunten Vogel im schwachen Sternenlicht blinken sah, stürzte sie sich gleich auf ihn.

In diesem Augenblick aber erbarmte sich der Mond des weltfremden Vogels. Er wischte sich eine Wolke vom Gesicht und schaute mit wütendem Licht auf den Raubüberfall. Da gleißte der Paradiesvogel so hell auf, dass der Steinkauz geblendet wurde und erschrocken abschwenkte.

Der gutmütige Mond zeigte dem Göttervogel nun den Weg zum Taubenschlag, und hier barg er sich, bis die Menschen ihn wieder in seinen vertrauten Käfig ließen.

 


 

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