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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 175
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das missbrauchte Ohr

Es war einmal ein Ohr, das nahm wie ein Trichter alles auf, was hereinwehte. Dabei war es so geschickt gewunden, dass es sogar um die Ecke hören konnte. Hinter dem Ohr befand sich ein großer Speicher, der war sehr klug: Er konnte das Aufgenommene miteinander und mit dem verarbeiten, was die anderen Sinnesorgane ihm zuleiteten; er konnte es aber auch missachten und in einem ozeanischen Rauschen verebben lassen.

Das Ohr war nicht verschließbar, so dass es nichts abwehren konnte, und es hatte Verstecke, in dem manches sich verbarg, das in der Luft draußen zerronnen wäre, das sich in der Enge des Ohres aber festigte und unauflösbar wurde. So kam es, dass sich vor allem die herrschsüchtigen Eindringlinge darin festklammerten, um ihr Schreckensregiment auszuüben. Es waren lauter Befehlssätze aus Elternhaus, Schule, Kirche und auch aus dem täglichen Umgang mit den Menschen.

»Wenn du morgens so spät aufstehst,« hieß es, »wirst du nie einen anständigen Beruf haben. – Wenn du dir die Zähne nicht ordentlich putzest und nicht richtig isst, wirst du krank. – Wenn du dich nicht ansehnlich anziehst, wird man dich unterbewerten. – Wenn du nuschelst, kannst du dich nicht durchsetzen. – Wenn du nicht brav bist, machst du dich unbeliebt, und wer sich nicht anpasst, kann nichts werden.«

Die erpresserischen Forderungen hätten im Ohr ihr Wohnrecht gehabt so gut wie die gelegentlichen Komplimente, doch sie blähten sich zu sehr auf, so dass der Platz nicht ausreichte und viele sich im Gehirn festsetzen mussten. Hier nisteten sie sich ein wie Bazillen, die sich linear vermehrten, das heißt, sie bauten Spundwände für Gräben und schränkten vieles von dem ein, was die unbeherrschte Natur so glücklich wollte. So schrumpfte das Aktionsfeld des Verstandes und des ganzen Menschen und gab Raum frei für die Wünsche anderer. Darunter aber waren auch solche, die sich die Drohungen der Befehle zunutze machten, um selber Macht zu haben: »Wenn du das nicht tust, was ich dir rate, wirst du keinen Erfolg haben,« sagten sie etwa. Und man tut, was sie verlangen, weil sie zu ihrem Nutzen ja nur wiederholen, was zum allgemeinen Nutzen schon pädagogisch eingetrichtert wurde.

Das Ohr konnte sich gegen diesen Missbrauch nicht wehren. Da beschloß es, lieber angenehm unterzugehen, als im Bleimantel allzu vieler Vorschriften zu ersticken, und es gab sich ganz der Musik

hin, je lauter, desto besser, und protestieren musste sie auch. Da duckten sich die Anweisungen, doch sie nutzten jeden stillen Augenblick, um ihre Kanalisationsarbeiten fortzusetzen.

 


 

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