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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 173
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
typefable
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Das glückbringende Notenblatt

Es war einmal ein Notenblatt, darauf stand die Melodie eines Liebesliedes. Der Komponist aber scheute sich, das Lied laut zu spielen. Es stand so zart in seinem Innern und duftete wie eine blühende Blume. Nun fürchtete er das grobe Wetter der öffentlichen Meinung.

»Es wird meine Melodie zerreißen,« dachte er bekümmert, »besser ist es, ich behalte sie im Schutz meiner Liebe.«

Das Notenblatt aber wollte in die Welt hinaus, um Trost zu schenken und rühmliche Abenteuer zu erleben. Es vertraute sich einem Windstoß an und flog aus dem Fenster. Da der Wind, der sich überall bestens auskennt, gerade gute Laune hatte, trug er das Blatt direkt in das Fenster eines Musikverlages.

»Was ist denn das für ein Wisch?« schnauzte der Lektor und schleuderte das Notenblatt wieder zum Fenster hinaus.

Nun trug der Wind es zu einem jungen Mädchen, das gerade erst gelernt hatte, Noten zu lesen. Das Mädchen sang das Lied, sang es noch einmal und dann immer wieder, bis davon in seinem Innern eine duftende Blume erblühte.

Und als das Mädchen die Liebesmelodie eines Tages auf einem Spaziergang im Park vor sich hin sang, kam zufällig der Komponist vorbei. Er zuckte freudig zusammen, sah das Mädchen an und sang die zweite Stimme.

Jetzt sind die beiden ein glückliches Paar. Das Notenblatt aber hängt in einem goldenen Rahmen über dem Klavier, und niemand außer dem Komponisten und dem Mädchen weiß, wie schön sein Lied ist, wenn man es richtig spielt und singt.

 


 

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