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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 171
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der geduldige Nagel

Es war einmal ein langer Nagel, der lag wie ein Ungetüm zwischen lauter kleinen Artgenossen im Werkzeugkasten. Trotz seiner überragenden Stärke fühlte er sich hier gar nicht wohl, denn die Kleinen hänselten ihn oft und spotteten kichernd: »Was will denn der bei uns, der konnte bei den Großen wohl nicht mithalten und meint jetzt wohl, er könne sich bei uns aufspielen. Aber wir halten zusammen und sind ihm überlegen.«

»Das Gewimmel geht mir auf die Nerven,« dachte der große Nagel und sehnte sich nach einer angemessenen Aufgabe. Doch wann immer ein Nagel gebraucht wurde, griff der Handwerker nach einem kleinen. Die wurden selber stutzig und raunten sich zu: »Wir sind wichtiger als der Riese, was für ein Glück. Aber wenn das so weitergeht, bleiben nachher nur zwei oder drei von uns übrig, und an denen könnte sich der Lange rächen.«

Die Sorge war jedoch verfrüht, denn sobald der Vorrat zu Ende ging, füllte der Mensch neue Nägel nach, und nie war ein großer dabei.

»Ich gehe vor Einsamkeit und Langeweile kaputt,« stöhnte der Riese, der tatsächlich schon winzige Rostflecken bekam.

Eines Tages aber nahm der Handwerker den Werkzeugkasten mit zu einem Rohbau, auf dem gerade das Dach errichtet wurde. Und oben fehlte ein Nagel, der stark genug war, zwei Balken zu verbinden.

Der Handwerker stöberte in seinem Kasten, fand den Riesen und atmete erleichtert auf: »Da bist du ja, ich wusste doch, dass ich dich noch in Reserve hatte, alter Freund, du hast mir nämlich gerade noch gefehlt. Jetzt bist du dran.«

»Endlich,« fuhr der lange Nagel im stillen fort,»ich weiß zwar, was mir jetzt bevorsteht, aber das halte ich aus, dafür stehe ich gerade, denn es ist mein Schicksal.«

So ertrug er die mächtigen Schläge auf seinen Kopf mit standhafter Geduld, bis er tief im Holz versunken war. Glücklich hielt er die beiden Balken zusammen.

»Seltsam,« sagte er sich, »jetzt bin ich noch einsamer als vorher, doch nun habe ich eine Aufgabe, die erfüllt mich so sehr, dass ich gar keine Gesellschaft mehr brauche. Ich bin mir selbst genug.«

 


 

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