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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 17
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der schwierige Berg

Es war einmal ein Berg, der war so hoch, dass man viele Jahre brauchte, um einen der Gipfel zu erreichen, wenn man überhaupt bis oben kam. Von dem Berg liefen bunte Stränge herab, das waren die Schicksalsfäden. An jedem hing ein Mensch, wie lange, das war ungewiss, da der Faden jederzeit reißen konnte, so dass der Mensch abstürzte.

Was die Menschen oben erwartete, wussten sie nicht. Es war jedenfalls die Allmacht, die alles konnte. Ob sie aber mehr gütig war oder mehr streng; ob sie wollte, dass die Menschen schnell zu ihr kamen oder langsam, das war keinem bekannt. Doch jeder hatte eine ahnungsvolle Sehnsucht, die ihm sagte, es sei sinnvoll dorthin zu streben.

Leider liefen die Fäden kreuz und quer durcheinander. Zwar kamen alle von oben und reichten bis zur Talsohle, doch nur ganz selten verlief das Band gerade. Die seitlichen Überschneidungen bewirkten, was immer geschieht, wenn ein Wirrsal in Bewegung ist: Man stört sich gegenseitig wegen der unerwünschten Nähe, oder man ist glücklich, einander so nahe zu sein; man reibt sich, oder man umarmt sich. Manche Fäden waren in unangenehmen oder auch angenehmen Abständen verknotet, so dass die daran hängenden Menschen sich nur gelegentlich eng berührten, andere waren fürs ganze Leben miteinander verflochten, sei es zum Unheil, sei es zum Heil.

Natürlich gab es auch Leitfäden. Leider gingen aber auch diese kreuz und quer über den Berghang, so dass es schwierig war, sie zu unterscheiden, um einer Richtung zu folgen. Es war nämlich nicht selbstverständlich, schnurstracks aufwärts zu steigen. Wusste man denn, was einen dort erwartete außer dem Ende der Strecke? Nein, es galt vielfach als grandios, zumindest aber als unterhaltsam, sich seitlich um den Berg zu bewegen oder auch nur hin und her, was die Verwirrung der Fäden noch vermehrte, im störenden wie im förderlichen Sinne.

Es schien alles richtig und alles falsch zu sein, was die Menschen taten. Denn jede Tat entwickelte ihr eigenes Leben, sobald sie getan war. Eine Ohrfeige konnte eine neue Ohrfeige erzeugen oder auch eine demütige Unterwerfung. Ein Kuss konnte einen zweiten aufblühen lassen oder mit einem groben Schlag zerschmettert werden. Da die Menschen aber nicht töricht waren, behielten sie ihre Taten im Auge und sorgten dafür, dass sie möglichst günstig weiterwirkten.

Das größte Geheimnis des Berges bestand darin, dass die Schwachen, die den Aufstieg vorzeitig beenden mussten, und die Abgestürzten keineswegs an seinem Fuß vermoderten. Sie lösten sich zwar scheinbar in Nichts auf – wie auf dem Berg auch die Erfolgreichen – doch dann schwebte ihre Seele in die allen gemeinsame Höhe, und alle wurden Teil des einen Geistes, aus dem genau genommen auch der Berg bestand. Das sah man aber nur mit dem Geist, der durch die Atomkerne und durch die Energie auf sich selber blicken konnte, wovor er aber zurückschrak, weil er sich selber in seiner ewigen Gleichheit zu langweilig war.

 


 

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