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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 169
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die silbernen Gesetze der Mutter

Es war einmal eine Mutter, die hatte fünf Kinder, aber keinen Mann. Nun musste sie ihre Mädchen und Jungen so streng erziehen, dass sie jeder Gefahr rechtzeitig auswichen, denn es gab niemanden mehr, der sie noch im letzten Augenblick von einem Abgrund hätte zurückreißen können.

Eines Tages sollte die Mutter, die auch noch einem Nebenberuf im Büro nachging, um die karge Rente aufzubessern, an einem Computer-Lehrgang teilnehmen. Da weinte sie still vor sich hin, denn sie mochte die Kinder nicht allein lassen, und die Nachbarn, die sonst gerne aushalfen, konnten sich auch nicht eine ganze Woche um sie kümmern.

Als die Mutter so traurig im Bett lag und zu schlafen versuchte, erschien ihr im Halbtraum der Geist ihres verstorbenen Mannes und sprach: »Was sorgst du dich? Den Mädchen und Jungen kann doch gar nichts passieren, da du doch seit der Geburt des ersten Kindes silberne Fäden zu einem dichten und überall angepassten Netz geknüpft hast. Siehst du das nicht? Ach nein, entschuldige bitte, du siehst ja noch mit irdischen Augen. Der Geist aber sieht das Geistige. Ich kann dir versichern: Das ganze Haus, der ganze Hof und sogar die Wege zum Kindergarten und zur Schule glänzen von den Leitlinien, die du ausgelegt hast, Wort für Wort, Satz für Satz. Geh nur, mach' deinen Kursus. Die Kinder wissen Bescheid. Zwar sehen auch sie die silbernen Richtschnüre nicht, aber sie spüren das Netz, wo sie gehen und stehen, ja bei jedem Gedanken. Mütter wirken auch, wo sie nicht anwesend sind.«

Damit erlosch der Geist des Vaters.

Die Frau, die nicht recht wusste, ob sie wirklich eine Erscheinung gehabt oder nur einen törichten Traum geträumt hatte, erhob sich verwirrt und schlurfte schlaftrunken nach draußen. Da sah sie, wie die älteste Tochter den jüngsten Sohn mit Silberfäden band.

 


 

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