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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 166
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die lebensfrohe Möwin

Es war einmal eine Möwin, die lebte glücklich am Meer. Bei jedem Wetter schwang sie sich aus den schützenden Dünen empor und flog mit dem Wind oder gegen den Wind zum endlosen Wasser, um immer wieder wie eine leuchtende Hand niederzuschießen und sich einen Fisch aus den Wogen zu greifen.

In ihrer Freizeit segelte die Möwin vergnügt in der scheinbar freien Salzluft. Wenn es auch schwer war, mit dem Wind auszukommen, sich ihm zu überlassen und ihm dennoch im rechten Augenblick zu trotzen, so lebte sie doch in seinen unberechenbaren Bewegungen angepasst und geborgen.

Eines Tages fiel einer männlichen Möwe auf, wie anmutig-stark und lieblich sie war. Er ließ sich am Strand zu ihr nieder und warb um sie, indem er sie zum Essen einlud. Das Paar wurde sich bald einig und suchte sich ein verborgenes Nest in den Sandhügeln, wo das Weibchen Eier legte, die es zusammen mit seinem Partner ausbrüten wollte. Aber wenn sie sich in dieser Arbeit auch abwechselten, so ließ sie es sich doch nicht nehmen, ihre Kinder überwiegend selber warmzuhalten.

Zwischendurch aber ließ sie sich von ihrem Mann ablösen, um sich aufzufrischen und um Fische zu fangen. An einem sonnigen Tag erspähte sie eine ganz besondere Beute, einen ganzen Schwarm oben schwimmender farbig glitzernder Fische, so glaubte sie jedenfalls. Als die Möwin sich aber in das bunte Wellenspiel stürzte, um einen Leckerbissen herauszuholen, stank es so unangenehm, dass sie sich schnell wieder davonmachte. Oh war das schwer! Ihr war, als trüge sie plötzlich einen Mantel, glänzend und schillernd, aber auch klebrig und lästig.

Sie eilte so schnell wie möglich ans Ufer, um sich den stinkenden Ballast aus den Federn zu putzen. Aber ihr Schnabel war viel zu glatt, um das glatte Öl abstreifen zu können. Da versuchte sie es in ihrer Verzweiflung mit feinen Bissen; Stückchen für Stückchen zerfetzte sie die unangenehme Haut. In ihrem Eifer beachtete sie nicht, dass manches zähe Tröpfchen, das sie sich aus dem Gefieder zog, über die Zunge die Kehle herunterrann. Das Gift konnte in ihrem Magen ungestört wirken, denn ihre Flügel hatten sich in eine weiche Zwangsjacke verwandelt, in der sie nicht mehr starten und Hilfe suchen konnte. Sie wusste auch nicht, ob sie den Mut gehabt hätte, zu den Menschen zu fliegen, da sie ihnen nicht traute.

So starb denn die Möwin. Ihr Mann sah sie nie wieder. Er bemühte sich redlich und in sesshaftem Kummer, die Eier seiner Frau alleine auszubrüten. Doch er musste auch für sich selber sorgen, und so blieb das Nest manchmal unbewacht.

Kurz bevor die Jungen schlüpfen konnten, entdeckte und verzehrte ein unbekanntes Raubtier die Eier .

 


 

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