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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 162
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das genusssüchtige Messer

Es war einmal ein Messer, das freute sich jeden Morgen auf das Frühstück. Denn es mochte die Margarine und die Butter, den Käse und die Wurst, es mochte eigentlich alles, was es aufs Brot streichen durfte, am liebsten aber mochte das Messer die süße Marmelade.

Und doch war die Vorfreude des Messers, wenn es erwartungsvoll in der Besteck-Schublade lag, von vornherein getrübt. Es konnte nämlich in die Zukunft sehen, so dass es genau wusste: nach der leckeren Arbeit kommt das Spülen, das mir alles wieder nimmt. Weiter konnte das Messer nicht in die Zukunft denken.

Eines Tages, als das Messer eine besonders schmackhafte Marmelade auf eine Scheibe Brot gestrichen hatte, gelang es ihm, sich vor dem Abwasch zu drücken. Es versteckte sich auf der Spüle hinter einer Schüssel und mogelte sich später zwischen die schon gereinigten Besteckteile.

Nun lag es wieder in der Schublade und duftete, dass alle anderen Messer, aber auch die Gabeln und Löffel vor Neid an Glanz verloren. Doch das sah man in der Dunkelheit nicht. Nach einigen Stunden lockte der Geruch aber auch die fressgierigen Schimmelpilze an. Sie dankten dem Messer für sein Mitbringsel vom Küchentisch und setzten es auf ihre Weise um.

Schließlich stank das Messer so ekelerregend, das es sich selbst nicht mehr ausstehen konnte. Das andere Besteck empörte sich rasselnd und konnte gar nicht verstehen, wieso es eben noch neidisch gewesen war.

»Verschwinde hier, du alter Stinker!« rief ein kleines Messer, das nur zum Schälen roher Kartoffeln benutzt wurde und sowieso eifersüchtig war.

»Ja,« fiel eine Gabel spitz ein, »was schleppst du uns Unrat ins Haus? Du bist gar nicht transportberechtigt. Du sollst schneiden und streichen, aber nicht stehlen!«

Es passte der Gabel schon lange nicht, wenn ein Messer mehr als nötig auf sich nahm und dann gar noch mit einem Bissen zum Mund geführt wurde wie ihresgleichen.

Das rebellierende Besteck und das Umwelt verschmutzende Messer, dem die vorher so leckere Marmelade längst bitter in die Zunge biss, mussten bis zum nächsten Morgen ausharren. Dann holte die Hausfrau den Übeltäter mit dem andern Frühstücks-Besteck aus der Schublade, ließ ihn aber nicht am Essen teilnehmen, sondern warf ihn für längere Zeit in ein besonders heißes, kräftiges Spülmittel.

»Man darf einen Genuss nicht überziehen,« dachte das Messer und glänzte schon wieder wie ein Fisch im Wasser.

 


 

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