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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 161
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das großmannssüchtige Meerschweinchen

Es war einmal ein Meerschweinchen, das durfte im Sommer auf der eingezäunten Weide frei umherlaufen wie das Hausschwein. So lernten sie sich kennen.

»Ich habe gehört, dass du auch ein Schwein bist,« fiepte das Meerschweinchen, »sind wir denn wohl miteinander verwandt?«

»Weiß nicht,« grunzte das Schwein, »ist mir auch egal.«

»Ich stamme aus Südamerika,« fuhr das Meerschweinchen unbeirrt fort, »da sind meine Vorfahren mit der Zeit häuslich geworden.«

»Schweine gibt es überall,« antwortete das Schwein wortkarg und drehte sich weg, um weiter ihm Gras nach Nahrung zu schnüffeln.

»Ich wollte, ich wäre auch so groß wie du,« piepste das Meerschweinchen ihm demütig nach. Mehr für sich fügte es hinzu: »Seltsam, ich fresse doch auch den ganzen Tag und bin dabei nicht wählerisch. Trotzdem reiche ich dem Vetter nicht einmal bis an die Knie. Ach ja, so ein großes Tier zu sein, das wäre ein gewaltiges Abenteuer!«

Im nächsten Winter, als beide längst wieder im Haus wohnten, der eine im Stall, der andere in seinem Käfig im Kinderzimmer, kam eines Tages der Schlachter. Er ging mit dem Hausherrn und einem Nachbarn in den Stall und schlachtete das große Schwein.

Später lockte ihn die kleine Tochter des Hauses in ihr Kinderzimmer:

»Kuck mal,Onkel, ich hab auch ein Schwein. Aber das darfst du nicht töten. Das gehört mir, zum Spielen!«

»Hm! Hm!« machte der Schlachter, um das Kind ein wenig zu erschrecken, »ein leckeres, fettes Tierchen. Meinst du nicht, dass wir es doch schlachten und essen sollten? Weißt du, früher die Inkas und auch heute noch die Indianer in Peru, in Ekuador und in Kolumbien, die essen Meerschweinchen oder aßen sie, ich meine die Inkas, die gibt es ja nicht mehr.«

Da griff das Mädchen in den oben offenen Laufstall-Käfig, holte das Meerschweinchen heraus, wickelte es in seine Schürze und rannte damit nach draußen.

»Aber bleib doch, Kind!« rief der Schlachter ihr nach, »Ich werd dir doch das putzige Meerschweinchen nicht wegnehmen! Das war doch nur Spaß! Wir haben das große Schwein, mehr wollen wir doch gar nicht, die kleinen lässt man laufen!«

Da kam das Mädchen zurück und setzte seinen Spielgefährten wieder in sein Heim:

»Siehst du, ein Glück, dass du so winzig bist. Es ist ganz schön gefährlich, groß zu sein.«

 


 

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