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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 160
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das süße Mäuschen

Es war einmal eine possierliche kleine Maus, die lebte satt und zufrieden in einer Vorratskammer. Ach, ging es ihr gut. Sie hatte dürre, sehr dürre Jahre hinter sich, in denen sie froh gewesen war, wenn sie ein paar Brotkrumen gefunden hatte. Doch das war nun vorbei. Ja, die Menschen, bei denen sie wohnte, verargten ihr nicht, dass sie heimlich naschte. Manchmal dachte die Maus – dabei stand sie auf den Hinterfüßchen, hatte nachdenklich das spitze Köpfchen geneigt und rieb sich die Hände:

»Ich glaube, die Mutter lässt mit Absicht dieses und jenes danebenfallen, damit ich auch `was abkriege. Gesehen hat sie mich schon, das weiß ich genau. Sie wollte mich doch erst verjagen oder umbringen. Jedenfalls schlug sie mit einem Besen nach mir, mit den Haaren des Besens, als ob sie mir nicht allzu wehtun wollte. Ist auch egal. Seitdem die Vorratskammer so voll ist, nimmt sie es nicht mehr so genau. Neulich hat sie sogar ein Reststück Speck auf dem Boden liegen gelassen, hier auf dem noch gar nicht so ramponierten Teppichboden. Das Papier hat laut geraschelt. Sie muss es also bemerkt haben. Gute Frau, wirklich eine gute Frau.«

Nach diesem lobreichen Selbstgespräch, in dem das Mäuschen stolz darauf war, so selbstlos die Selbstlosigkeit anderer anzuerkennen, fiel ihm wieder ein, dass es schon immer gerne am Honigtopf genascht hätte. Dieses süße Zeug musste nämlich etwas Besonderes sein, weil die Kinder es so gerne auf's Brot strichen.

»Was für Kinder gut ist, ist auch für Mäuse gut,« sagte sich das Mäuschen und dachte im stillen hinzu:

»Kinder bekommen immer das Beste. Wenn ich nur wüsste, wie der Honig schmeckt.«

Die süße kleine Maus hatte keinen Hunger, wohl aber Appetit auf einen leckeren Nachtisch. Deshalb konnte sie sich Zeit nehmen, als sie mit vollem Bauch am Regal hochkletterte. So erreichte sie das Honigglas erst, als ihr Appetit so anspruchsvoll war wie ein echter Hunger.

In ihrer wachsenden Gier näherte sich die Maus dem Honigglas so ungeschickt, dass es auf dem Regal verrutschte und bedenklich nahe an den Rand rückte. Damit aber geriet es glücklicherweise direkt neben eine halbhohe Thunfischdose, eine ideale Stufe für die Maus.

Sie krabbelte auf die Blechdose und konnte von hier aus das bunte Tüchlein ergreifen, mit dem das Honigglas wie mit einer Haube abgedeckt war. Es wurde aber von einem Gummiband um den Hals des Glases festgehalten, so dass die Maus sich nach der Besteigung durch den Stoff nagen musste, um an den Honig zu gelangen.

Bei dieser Arbeit, die viel Energie verbrauchte, wurde das Mäuschen wieder richtig hungrig. Statt das Hindernis kühl und überlegend zu durchbrechen, biss sie sich übereifrig hinein.

Und dann geschah es: Das Glas glitt weiter zum Rand, schaukelte und zappelte und stürzte in dem Augenblick zur Erde nieder, als die Maus sich durchgefressen hatte. Sie plumpste nun, beim Aufprall des dicken Glases auf dem Boden, mit einem Aufschrei in den zähflüssigen Honig.

Sie schrie um ihr Leben, krabbelte und schrie. Doch bei jedem Schrei schwappte eine süße kleine Portion Honig in ihr Mündchen, erstickte Schrei um Schrei und erstickte schließlich das Mäuschen.

 


 

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