Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Gedichte

: Gedichte - Kapitel 158
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
typefable
Schließen

Navigation:

Der dreckige Maulwurf

Es war einmal ein Bussard, der schwebte hoch und hehr über Städte, Äcker, Wiesen und Wälder. Er kam sich sehr bedeutend vor, denn in dieser Gegend gab es keine Adler, die ihn an Berühmtheit, wenn auch nicht an Leistung oder Schönheit übertroffen hätten. Eines Tages, als der Bussard sich auf einen Zaunpfahl niedergelassen hatte, um aus der Nähe nach Beute zu lauern, kam er mit einem Maulwurf ins Gespräch.

»Oh,« höhnte der Maulwurf, »Seine Majestät haben sich herabgelassen, uns Nachrichten aus der höheren Sphäre zu bringen? Nun, wie scheint denn die Sonne im Königreich der Lüfte? Wie ich hörte, ist es dort oben kälter als hier unten.«

»Sandfresser,« schmähte der Bussard, »was weißt du schon von der Sonne? Verkriechst dich in der Erde und bist obendrein blind.«

»Ich wusste doch, dass so ein hohes Tier wie du von uns hier unten keine Ahnung hat. Du siehst in uns nur die Beute, sonst kennst du uns nicht. Ich fresse weder Sand, noch bin ich blind. Du kannst es ausprobieren. Versuch, mich zu fressen, so wirst du sehen wie ich sehe und verschwinde.«

Der Bussard schüttelte hochmütig sein braunbuntes Gefieder: »Wenn schon, was gehst du mich an?« Mit einem scharfen Blick auf die groben Schaufelhände des Maulwurfs fügte er verächtlich hinzu: »Dreckiger Arbeiter.«

»Dummkopf,« konterte der Maulwurf, »wenn's um's Fressen geht, wühlst du mehr im Blut als ich, der ich mich mit Kleinstvieh begnüge. Aber ich will zugeben, dass du sauberer lebst. Dafür bist du aber auch von jedem Wind abhängig und musst dich von der Luft tragen lassen.«

Diese Bemerkung reizte den Bussard so sehr, dass er die Flügel anhob,um sich auf den frechen Erdbewohner zu stürzen. Da dieser aber nur mit der Schnauze aus seinem Loch guckte, sah der Vogel wohl ein, dass er keine Chance hatte und beherrschte sich. Ersatzweise hackte er in die Luft, als er scharf entgegnete: »Werde nicht unverschämt, du beschränkter Kriecher. Was weißt du schon vom Leben? Du hast doch überhaupt keinen Überblick.«

»Nein,« gab der Maulwurf zu, dessen Körper nach wie vor in seinem Erdgang steckte: »Da hast du recht, aber ich wohne und arbeite in der Erde und nachts auch draußen. Ich habe keinen Überblick, doch dafür kenne ich mich in den Einzelheiten aus, Zentimeter um Zentimeter. Ich gönne dir deinen alles überragenden Flug, denn vom eigentlichen Leben verstehst du gar nichts. Es ist nämlich nicht so luftig wie du denkst. Wenn ich mich auch mühsam hindurchpflügen muss, hier unten, im Schoß der Erde, bin ich geborgen. Du aber hast nichts als deinen Überblick, und der dient auch nicht der Freude an der Schöpfung, sondern nur der Jagd auf Mäuse, Ratten, Hamster, Schlangen, Frösche und – und Maulwürfe. Soll ich dich darum beneiden? Ja, wenn du ein Philosoph wärest, der die Lage von oben erkundet, um dann jedem seinen Standort mitzuteilen, dann könnte ich dich hochachten, doch so...« Der Maulwurf beendete seine Rede mit einem wegwerfenden Schnauben.

Der Bussard aber schüttelte den Kopf, er verstand die Welt nun gar nicht mehr und konzentrierte sich wieder auf die Jagd.

 


 

 << Kapitel 157  Kapitel 159 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.