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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 156
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die verhöhnte Mattscheibe

Es war einmal eine Mattscheibe, die starrte mit ihrem großen Auge trübsinnig vor sich hin, denn sie trauerte über ihre innere Leere, die sich so hässlich in ihrem grauen Glas preisgab. Das nutzte eine bunte Vase aus. Sie bestand aus lauter ineinander gefügten und glatt geschliffenen Halbedelsteinen, so dass sie in allen Farben leuchtete und glitzerte; ja, sie konnte beides zugleich, je nachdem, wie die Lichtstrahlen auf ihre stolze Wand prallten; dann glühte es hier und flimmerte es dort, so dass selbst die Blumen oben darüber weniger beachtet wurden.

Diese hübsche Vase lästerte gerne über die stumpfe Glasfläche:

»Du bist doch ein Nichtsnutz,« höhnte sie, »ein leeres Blatt, um nicht zu sagen, ein weites Feld ohne Saat und Frucht. Was stehst du hier herum und nimmst besseren Dingen den Platz weg?«

Die Mattscheibe erblasste noch mehr. Dann stammelte sie:

»Ohne Licht kannst du ja auch nicht scheinen, und mit Licht sehe auch ich besser aus. Du stehst eben in einem günstigeren Winkel.«

»Das seh ich wohl,« spottete die Vase weiter, »wie schön du bist, wenn das Licht sich in dir spiegelt. Soll ich dir mal was sagen: Eine Schande ist das, du frisst das Licht auf, anstatt es wieder abzugeben. Bildest dir wohl ein, dass du selber zur Lampe werden kannst oder gar zur Sonne.«

Darauf konnte der leere Bildschirm nicht mehr antworten. Er hatte tatsächlich versucht, möglichst viel Licht einzufangen und bei Gelegenheit damit zu leuchten und aufzutrumpfen. Aber er war viel zu dumpf und zu flach und überhaupt nicht in der Lage, etwas von außen Kommendes zu halten oder auch nur korrekt zurückzuspiegeln. Er schwieg fahl und blind vor Kummer und Gram.

Dann aber kehrte die Familie ins Haus zurück. Und nach dem Abendessen, schaltete einer gleich den Fernsehapparat ein. Oh, jetzt bekam die Mattscheibe eine Seele! Der Bildschirm glühte auf in tausend und abertausend lebendigen, sprechenden Bildern. Und spielerisch konnte er nicht nur einzelne Situationen, sondern ganze Szenerien zeigen und wechseln, von einem Land zum anderen, vom Schmerz zur Heiterkeit, vom Hass zur Liebe.

Da strahlte der Bildschirm und lächelte und hatte vor lauter Freude gar keine Zeit, sich mit der Vase zu vergleichen.

 


 

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