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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 153
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die verkleidete Lüge

Es war einmal eine kleine Lüge, die humpelte so verkrüppelt und hässlich durch die Stadt, dass keiner sie ansehen mochte. Und niemand warf ihr auch nur ein Stück trockenes Brot hin. So kam sie mit keinem in Berührung und konnte sich nicht mitteilen.

»Ich gehe zugrunde, wenn man mich nicht anerkennt,« seufzte sie und sehnte sich nach einem üppigen Leben in der Gesellschaft der Menschen.

»Sie verachten mich, weil ich so hässlich bin,« fand die Lüge selbstkritisch heraus, »ich muss mich herausputzen, das macht viel aus bei den Menschen.«

Also ging sie schon am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, in einen Garten, um sich die schönsten Blumen zu pflücken. Daraus nähte sie sich ein geschmackvolles Frühlingskleid. Nun sah sie aus wie die strahlende Wahrheit, nein, noch angenehmer, noch viel verführerischer.

Von jetzt an öffneten sich ihr alle gesellschaftlichen Türen. Sie war in aller Munde und wurde überall so verhätschelt, dass ihre missratene Gestalt unter dem Blütenkleid sich auswuchs und herrliche Formen annahm.

Ihren eigentlichen Sinn aber bezog sie wie in alten Zeiten aus der Verunglimpfung anständiger Personen. Dieser Beruf fiel ihr jetzt ganz leicht, denn jetzt war sie stärker denn je. Jetzt brauchte sie aber auch noch mehr Verleumdung, um ihre Beliebtheit zu sichern. Es kümmerte sie nicht, dass die ehrenwerten Frauen und Männer, denen sie Unratmäntel anhängte, sich unter dieser Last schwer taten und sich nur noch gebeugt durch die Straßen schleppten. Es war ihr eher eine Genugtuung. Wenn aber jemand vor Gram starb, sagte sie sich und anderen:»Das habe ich nicht gewollt.«

So trieb sie ihr Unwesen den ganzen duftenden Sommer hindurch. Erst als der Herbst kam, der das Land säubern musste, damit der Winter für sein Eis und seinen Schnee klare Verhältnisse vorfinde, da zerfiel auch das Blütenkleid der Lüge. Stück um Stück vermoderte ihre Schönheit, bis sie wieder nackend dastand. Zwar sah ihr Körper noch immer wohlgenährt aus und stattlich, doch man wusste nun, wer sie war.

Mit reuigem Entsetzen wandten sich die Menschen von ihr ab. Niemand sprach mehr mit ihr, selbst die besten Freunde wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben und jagten sie fort, wenn sie sich blicken ließ. Da halfen keine Unschuldsbeteuerungen. Die Lüge war erkannt und musste darben. Sie schrumpfte wieder zu einem hinkenden Krüppel zusammen und verkroch sich vor Scham in die Erde.

Sie schämte sich aber nicht ihrer Verbrechen, sondern ihres schäbigen Aussehens. Deshalb stand sie im Winter eiskalt wieder auf, behängte sich mit Frost- und Schneegeflitter und begann eine neue Karriere. Da sie nun völlig anders aussah, erkannte sie niemand.

 


 

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