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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 150
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der gefürchtete Locher

Es war einmal ein Locher, der hatte zwei gefährliche Zähne und wurde von allen weißen Papierblättern auf dem Schreibtisch gefürchtet.

»Hütet euch vor diesem Monstrum,« warnte ein altes Blatt Löschpapier, das nur noch selten benutzt wurde und deshalb viel Zeit hatte, das Leben ringsum zu besprechen, »es lungert ständig hier herum und lauert auf Beute. Wenn ihr erst einmal beschrieben seid, schnappt er euch und beißt euch Löcher in den Bauch. Und schon verschwindet ihr in einer dicken Mappe und werdet ins Regal abgeschoben.«

Eines Tages ließ die Sekretärin einige durchlochte Blätter neben einigen unversehrten neben der Schreibmaschine liegen. Da begann gleich ein lebhaftes Tuscheln.

»Tut es sehr weh?« erkundigte sich teilnahmsvoll das oberste der leeren Blätter.

»Wie? Weh? Wieso? Was soll wehtun?« fragte das angesprochene Schriftstück.

»Was? Nun, die Löcher, was sonst?«

»Du hättest ja auch die Schreibmaschine meinen können,« blaffte das beschriebene Blatt unwillig zurück. Es war nämlich sehr mit sich selbst beschäftigt und hatte gar keine Lust, sich auf ein leeres Geschwätz einzulassen.

»Daran hab ich noch gar nicht gedacht,« plapperte das weiße Blatt weiter, »drücken die Buchstaben sehr schlimm?«

»Jaja, sie drücken wie Regentropfen auf die Erde, sehr schlimm,« erwiderte das mürrische Dokument.

»Wasser macht fruchtbar, bist du auch fruchtbar?«

»Lass mich doch in Ruhe, ich bin so voll von Gedanken, dass ich gar keinen Platz hab für deine Fragen.«

»Dann bist du also nur für die Menschen fruchtbar und für dich selber. Na schön, aber wie ist das mit den Löchern?«

»Ohne Löcher bist du gar nichts,« sagte da das Schriftstück in einem Ton, der nicht mehr ganz so überdrüssig klang, denn nun berührte der Nachwuchs sein Hobby:

»Wer etwas aufzuweisen, aufzubewahren und keine Löcher hat, ist nicht zu gebrauchen. Er ist ein Hallodri, der sich mal hier, mal dort herumtreibt und nie zur Hand ist, wenn man ihn braucht. Die Löcher sind das Ordnungsprinzip, damit kannst du dich einhängen lassen in die Gemeinschaft aller gescheiten Blätter. Du wirst es erleben und froh sein, in einer sauberen Gesellschaft zu arbeiten. Da spürst du, dass du dazugehörst, bist wahrscheinlich sogar eine Fortsetzung, vielleicht auch der Beginn eines längeren Berichtes. Und so eng wie im Stapel ist es dort auch nicht. So, jetzt halt den Rand und lass mich in Ruhe nachdenken.«

»Bist du denn noch nicht fertig, dass du noch nachdenken musst?«

»Fertig, fertig, natürlich bin ich fertig. Aber was heißt das schon. Ich will mehr aus mir machen, vielleicht kann der Chef meine Konstruktion erweitern, dann bauen wir nicht nur eine Garage, sondern auch eine Werkstatt, gleich daneben. Wenn du Glück hast, braucht er dich für die weiteren Aufzeichnungen. Aber das sage ich dir: Lass mich in Ruhe und pfusch' mir nicht in meine Pläne. Wir können gut nebeneinander bestehen, um uns zu ergänzen, aber bitte ohne Einmischung in die inneren Angelegenheiten.«

Inzwischen war die Sekretärin zurückgekehrt und hatte das neugierige Blatt genommen, um es in die Schreibmaschine zu spannen.

»Einverstanden!« rief es dem ruhebedürftigen Dokument noch zu. »Doch ein Türchen zwischen Werkstatt und Garage wäre für einen Gedankenaustausch sehr nützlich.«

»Wenn du doch endlich die Klappe halten würdest. Das mit der Tür werde ich mir überlegen, aber ein Schloss muss sie haben, unbedingt, sonst wuchert die Werkstatt in die Garage, und ich habe keinen Platz mehr für das Auto.«

»An mir soll's nicht liegen,« sagte das neu beschriebene Blatt, als es später gelocht war und hinter dem unwirschen älteren Bruder im Ordner hing. »Aber weißt du, was die Menschen aus unserer feinen Ordnung machen? Ja, wenn man denen die Korrektheit so einprägen könnte wie uns, den Menschen. Aber die fürchten wohl den Locher zu sehr.«

 


 

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