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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 147
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das schöne Lied

Es war einmal ein Lied, das war so schön, dass alle, die es sangen, und alle, die es hörten, auch schön davon wurden. Es war aber sehr vergänglich und leichter als Luft, so dass die Luft es nicht nur von Ohr zu Ohr tragen konnte, damit es vergnügt in die Herzen hüpfen konnte, nein, die Luft konnte es auch zerreißen, wenn sie schlechte Laune hatte und sich aufblies.

Deshalb bemühte sich das Lied, überall einen tiefen Eindruck zu hinterlassen, eine Prägung seiner selbst. Das gelang ihm vor allem bei den weichherzigen Menschen. Doch je weicher ein Gefühl es in sich aufnahm, umso weicher nahm es auch andere Lieder in sich auf, und in dem Gedränge drückte eines das andere kaputt.

Da beschloß unser Lied, sich zu verwandeln, um dauerhaft aufbewahrt zu werden. Es wanderte zunächst – wie gewohnt – vom Mund zum Ohr und vom Ohr ins Herz. Hier verweilte es aber nicht, verteilte sich auch nicht im Zweigwerk der Blutbahnen, sondern strömte ins Gehirn und dann direkt in die Hand des Menschen. Um den Weg zurückzufinden, hinterließ es allerdings ein süßes Gefühl im Herzen und eine liebliche Spur durch die Adern.

Das Experiment misslang: Die blöde Hand klopfte zwar den Takt des Liedes auf eine Tischplatte oder auf eine Stuhllehne, je nachdem, wo sie gerade lag, dachte aber nicht daran, die Melodie aufzuzeichnen.

Lange, lange musste das Lied wandern, in viele Menschen musste es sich vervielfältigen. Immer wieder musste es vergehen, immer wieder sich aus einzelnen Tönen neu zusammensetzen lassen, bis endlich, endlich eine Hand ihre Bitte begriff: Sie nahm einen Stift und zeichnete das Lied auf, Note um Note. Nun war es beständig und aus Dankbarkeit schenkte es sich fortan jedem, der lesen konnte und verzieh ihm gern, wenn er mal einen Ton misshandelte, denn er machte es ja wieder gut. Und so schlimm wie zu Zeiten der mündlichen Übertragung wurde es nie wieder.

 


 

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