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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 146
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die gelangweilte Liste

Es war einmal eine Liste, die war so klug und so brav, dass sie niemals von ihrer Linie abwich, weder waagerecht, wo die Zahlen standen, noch senkrecht von den Buchstaben. Sie beherrschte das ganze Alphabet und das Kleine Einmaleins, so dass sie jedem, der sie benutzen wollte, genau vorschreiben konnte, wo er seine Eintragungen machen musste.

Eines Tages aber, als sie völlig ausgefüllt war und ganz mit sich und ihrem Inhalt hätte zufrieden sein können, platzte ihr der Rand. Ihre ganze Ordnung ging ihr auf die Nerven. Sie wollte endlich auch einmal frei sein und sich selbst gestalten. Sie zögerte auch nicht lange. Schon in der Dunkelheit der nächsten Nacht wälzte sie ihr ganzes Leben um und um, bis nichts mehr stand, wo es eigentlich hingehörte.

Am nächsten Morgen schlug der Bürovorsteher entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen:

»Welcher Chaot hat denn meine Liste so verdorben?« schrie er zornig. »Jetzt muss ich alles noch einmal schreiben lassen!«

Das tat er auch. Die durcheinandergeratene Liste aber warf er in einen Papierkorb.

Hier entdeckte sie ein cleverer Lehrling. Der rahmte sie ein und brachte sie in eine Gemäldegalerie. Dort hängt sie nun als Kunstwerk und heißt nicht anders als vorher: »Die Liste«.

 


 

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