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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 142
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der schäbige Lehmklumpen

Es war einmal ein goldgelber Sandhaufen, der lag sicher eingerahmt auf einem Kinderspielplatz. Seine Einfriedung bestand aus abgerundeten Brettern, die zugleich eine Sitzbank bildeten, so dass die Mädchen und Jungen bequem mit dem Sand spielen konnten. Sie bauten Burgen mit Gräben oder eine Scheune mit Weideland, worauf Pferde, Kühe und Schafe standen. Manchmal bauten sie auch eine schön spitze Kirche oder einen Tunnel. Am nächsten Tag oder einige Tage später zerstörten die Kinder ihr Kunstwerk wieder, um ein neues herzustellen. Und wenn sie es nicht taten, griff der Wind ein, der keine Ahnung hatte von der Schönheit der Formen und vom Fleiß der Kinder. In seiner Dummheit riss er immer alles auseinander und war noch wütend, weil der Regen ihm nicht half, denn der Sandkasten befand sich unter einem Dach.

Daneben aber lag ein hässlicher Lehmklumpen. Kein Mensch wusste, wie das graue Häuflein dorthin gelangt war, es war unerwünscht. Man ließ es aber liegen, weil es sich bescheiden im Hintergrund hielt und sich nicht einmischte.

Still für sich aber war der Klumpen sehr traurig, weil man ihn so missachtete. Er hätte gerne mitgespielt.

Eines Tages zog eine neue Familie in den Wohnblock, zu dem der Spielplatz gehörte. Sie hatte ein einziges Kind, ein Mädchen, das sich unter den Kindern, die dort schon zu Hause waren, sehr fremd vorkam. Nach ein paar Tagen traute sie sich aber auf den Spielplatz und näherte sich dem Sandkasten. Obwohl ein Mädchen zur Seite rückte, um dem neuen einen Platz anzubieten, hielt es Abstand, um abzuwarten, wie die anderen Kinder es aufnehmen würden.

Auf die Dauer war es aber nicht sehr unterhaltsam, immer nur zuzuschauen. Deshalb nahm das neue Mädchen eines Tages ein Stück von dem nicht benutzten Lehmklumpen und knetete daran herum, wobei sich zeigte, dass es sehr geschickte Hände hatte. Sie fühlten gleich, was in der Seele des Lehmbrockens vorging, und formten ihn so behutsam, als hielten sie ein lebendiges Wesen. Der Lehm seinerseits war so vielseitig veranlagt, dass er sich gerne anschmiegte und bilden ließ, wie die Hände es wollten. So entstand fast wie von selbst ein Teddybär.

Die anderen Mädchen und die Jungen merkten erst auf, als das kleine Kunstwerk fertig war. Sie staunten, obwohl auch sie inzwischen eine beachtliche Leistung vollbracht hatten. Es war ihnen nämlich ein Gutshof gelungen. Die Tiere, die einige dazu mit Hilfe von Sandbackformen gepresst hatten, sahen sogar noch echter aus als der Teddy des neuen Mädchens, allerdings nur von einer Seite, die andere war flach, denn die Formen konnten nur halbe Tiere prägen.

»Das ist ja toll,« wunderte sich ein Junge, »hast du das mit dem Lehm selbst gemacht?«

Das fremde Mädchen nickte und hielt seinen Teddy etwas fester, da es fürchtete, die anderen Kinder wollten ihn ihr abnehmen. Sie wollten sich ihn aber nur genauer ansehen, und das durften sie dann auch.

»Wie hast du das gemacht?« fragte ein Mädchen aus der Runde.

Da lächelte die Fremde, nahm ein neues Stück Lehm und knetete daraus einen Esel. Der sah zwar auch nicht ganz echt aus, wirkte aber so beseelt wie der Teddybär.

Nun wollten alle Kinder nur noch mit dem unansehnlichen Lehm spielen, doch der Vorrat reichte nicht. Dafür aber stellte sich heraus, dass die Mutter des neuen Mädchens einen Spezialofen hatte, worin sich die Lehmfiguren gerne hartbrennen ließen, um beständig zu werden und nicht mehr zu stauben, so dass man sie sogar im Wohnzimmer aufstellen konnte. Übrigens waren sie so fest, dass sie sogar dem Wetter draußen standhielten.

Der Sandhaufen aber musste erleben, dass neuer Lehm angefahren wurde und die Kinder diese auf den ersten Blick recht schäbige Konkurrenz nun mit Vorliebe benutzten. Mit der Zeit jedoch kam auch der goldgelbe Sand wieder ins Spiel, sei es auch nur als hübsch leuchtender Stall- und Hofbelag für die starren und doch lebendigen Kunstwerke.

 


 

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