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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 140
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die eingebildete Lampe

Es war einmal eine Terrassenlampe, die hing windgeschützt an der Mauer und leuchtete der Familie jeden freundlichen Sommerabend zur gemütlichen Stunde im Freien.

»Ach, haben wir wieder ein schönes Wetterchen,« sagte gelegentlich der Vater. »Jaja, die Sonne. Sie macht uns das Leben sogar dann noch angenehm, wenn sie schon untergegangen ist. Nicht wahr? Hätte sie nicht den ganzen Tag so warm geschienen, wäre es jetzt zu kalt, draußen zu sitzen.«

Darüber grämte sich die Lampe, denn bis dahin hatte sie angenommen, das bedeutendste Licht zu sein. Sie kannte die Sonne nur von Erzählungen, denn wenn sie nicht angeschaltet war, also tagsüber, konnte sie auch nichts wahrnehmen. Sie wusste nur, dass die Wärme der Sonne mit sehr viel Licht herunterkam und alle Menschen bezauberte. Von den Beschwerden über die Hitze vernahm sie nichts, denn die waren in der Abendrunde vergessen.

»Ach,« seufzte die Lampe, »wenn ich doch nur einmal am Tage scheinen dürfte! Ich würde euch schon zeigen, wer heller leuchtet, diese eitle Sonne, die ja nicht einmal zwölf Stunden durchhält, oder ich, die ich Tag und Nacht strahlen könnte.«

Eines Abends vergaß der Vater, die Lampe auszuschalten. Oh war sie glücklich, denn weit und breit war nichts so hell und herrlich wie sie. Selbst die Sterne, die doch angeblich so riesengroß waren, konnten sich mit ihr nicht messen.

»Ihr werdet staunen,« summte die Lampe vergnügt vor sich hin. »Wenn ihr morgen früh erwacht und nach dem Wetter schaut, werde ich es sein, die euch scheint. Die Sonne ist ja auch viel zu weit weg.«

Doch schon im Morgengrauen verblasste ihr Licht im Alltagsbetrieb der Sonne, und nur in ihrer eigenen Hülle war die Terrassenlampe heller und wärmer.

 


 

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