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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 139
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das verstörte Lamm

Es war einmal ein Lamm, das stand frühmorgens allein auf einem Rummelplatz und weinte bitterlich. Da kam die Mutter, die ihr Kind seit Stunden gesucht hatte.

»Aber Kind,« sagte sie besorgt und vergaß ganz, dass sie eigentlich eine strenge Rede halten wollte, weil das Lamm allein in die Weltgeschichte gelaufen war, »warum weinst du denn?«

»Ich bin ja so hässlich,« stammelte das Lamm unter Tränen. »Du bist so schön, Mama, wie kommt es, dass ich so hässlich bin?«

»Aber Kind,« versuchte die Mutter es zu beruhigen, »wie kommst du denn darauf, dass du hässlich seist. Du bist doch viel jünger und hübscher als ich. Und wenn ich mich sehen lassen darf, dann bist du doch geradezu eine Schönheit. Denk doch mal an die Kinder, die dich so gerne streicheln, weil du so lieb bist und so weich und so gut.«

Doch das Lamm schüttelte nur traurig den Kopf:»Ich habe doch selber gesehen, wie ich aussehe, mal so, mal so, aber nie schön.«

»Wo hast du das gesehen?«

»Im Spiegel, bei den Menschen.« Dabei nickte das Lamm zu einer großen Jahrmarktsbude hinüber, deren Tür noch offen stand, denn das Lamm hatte sie fluchtartig verlassen.

»Unsinn,« schimpfte die Mutter, aber sie meinte es nicht böse, »komm mit, davon will ich mich selbst überzeugen.«

Sie stupste ihr Kind in die Flanke und stieß es zurück zu der Bude. Sie kamen in ein Spiegelkabinett.

»Siehst du es jetzt,« heulte das Lamm wieder laut auf. Tatsächlich war es im Spiegel ganz dünn und hochgestreckt, ohne Zweifel eine Missbildung. Dann drehte es sich zu einem anderen Spiegel. Der zeigte das Lamm entsetzlich klein und dick.

»Wenn ich weitergehe,« klagte das Lamm, »wird es noch schlimmer. Jetzt bin ich breit wie eine Schildkröte. Und jetzt,« fuhr es fort, nachdem es vor einen dritten Spiegel getreten war,»jetzt bin ich ganz verzerrt und durcheinander.«

Schluchzend kehrte es sich um, denn der Anblick war ihm unerträglich.

Da lachte die Mutter und rief stoßweise: »Aber – nein, – Kind, – das – sind – doch – Vexier – spiegel.« Ruhig fuhr sie dann fort: »Das kannst du dir doch denken: Wenn der eine dich groß sieht und der andere breit, der dritte aber wie ein zusammengestückeltes Bild, dann muss das doch am Spiegel liegen. Schau dir doch mal mein Spiegelbild an. Zeigt es mich nicht genauso verzerrt wie dich? Na also. Du siehst aber doch, dass ich in Wirklichkeit nicht so aussehe. Wir sind hier bei den Menschen, die machen sich gern einen Spaß daraus, alles Mögliche zu entstellen. Darauf darfst du dich nicht einlassen. Du musst dich beurteilen wie deinesgleichen dich beurteilt, sonst siehst du dich falsch. Die Natur hat dir eine schöne Gestalt gegeben, lass dich von einem künstlichen Spiegel nicht verrückt machen.«

»Und was ist mit meinem Spiegelbild im Bach?« fragte das Lamm, das zwar nicht mehr weinte, aber auch noch nicht ganz beruhigt war. »Wenn ich Wasser trinke, reißen die Wellen meinen Kopf auseinander, und die Wellen sind doch natürlich.«

Die Mutter zögerte. »Jaaaa«, meckerte sie dann, »wenn die Natur in Bewegung ist, kann auch sie nur Wackelbilder spiegeln. Geh zu einem ruhigen, abgeklärten Teich, der wird dich zeigen wie du bist.«

»Ach, Mama,« sagte da das Lamm, »eigentlich ist es ja schon gut, wenn du und Papa und meine Schwestern und meine Brüder und alle die anderen Schafe mich mögen. Sollen doch die Menschen und die Wellen von mir denken, was sie wollen.«

Und es kehrte beschwingt mit der Mutter zur Herde heim.

 


 

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