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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 135
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die rücksichtsvolle Kuh

Es war einmal eine Kuh, die stand ganz allein auf feiner großen Weide, mitten im saftigen Gras und umgeben von netten Blumen. Aber das Gras und die Blumen konnten nicht gehen und konnten ihr nicht entgegenkommen. Sie nickten ihr nur immer freundlich zu und lächelten.

Da wurde die Kuh ganz traurig, denn sie hätte so gern eine Freundin oder einen Freund gehabt zum Spazierengehen und zur Unterhaltung. Sie war aber nicht nur beweglicher als die Pflanzen, sondern auch viel lauter. Sie hatte vier kräftige Beine und ein viel, viel größeres Maul als die schlanken Grashalme und die Blumen mit ihren zarten Köpfen. Außerdem fraß sie ja dauernd alles auf, was in ihre Reichweite geriet.

Eines Tages kam sie darauf, dass ihre gefährliche Überlegenheit die Ursache ihrer Einsamkeit war. »Ich bin die Sanftmut in Person,« sagte sich die Kuh, »ich stoße niemanden mit dem Kopf, wie die verrückten Stiere es tun, ich trete niemanden wie die Pferde, ich fresse keinen wie die Löwen, ich quäle niemanden mit Stichen und Bissen wie Bienen und Fliegen, und wenn ich brülle, ist es nur ein weiches Muh. Warum also habe ich keine Freunde? Na klar, weil ich hier das einzige große Tier bin. Und wenn ich ehrlich sein soll: Die niedrigen Pflanzen zu meinen Füßen sind meine Beute, eigentlich einzusehen, dass sie mich nicht lieben, wenn ich sie auch dünge.«

Nach dieser Selbsterkenntnis erhob sich die Kuh, die sich zum Wiederkäuen der zuletzt gefressenen Gräser und Blumen niedergelassen hatte, schwerfällig zu ihrer wuchtigen Größe und erweckte mit einem kräftigen »Muh« die allgemeine Aufmerksamkeit.

»Ich will!« rief sie aus, »mit euch Freundschaft schließen. Wir leben auf derselben Weide, ja, ihr Blumen und Gräser seid gewissermaßen selber diese Weide und gewährt mir großzügige Gastfreundschaft. Leider habe ich sie bisher missbraucht. Fortan will ich darauf verzichten, mich auf euere Kosten zu ernähren. Aber dafür müsst ihr mir euere Liebe schenken.«

Die Gräser und die blühenden Blumen nickten ihr herzlich zu und lächelten im kosenden Licht der Abendsonne. Ein Wispern verbreitete sich von Blüte zu Blüte und von Halm zu Halm, bis es sich zu einem allgemeinen Jubel verdickte und wie Musik über der Kuh zusammenschlug, so dass sie ganz eingehüllt wurde vom Glück, aufgenommen zu sein im Wohlwollen der Weide.

Die Kuh hielt Wort. Mochte sie der Hunger noch so sehr quälen, ihr war die Liebe lieber als der Fraß. Und die Blumen und die Gräser erzählten immerzu vom süßen Kitzel des Regens, vom zärtlichen Streicheln der Sonnenstrahlen und vom reinigenden Kosen des Windes, der allen Dreck von ihnen wegblies, so dass sie immer offen und zugänglich waren für die Freuden des Lebens, die so durch ihre Haut bis tief ins Gemüt eindringen konnten.

Der Bauer, dem die Kuh gehörte, wunderte sich traurig darüber, dass seine Lisa nicht mehr fraß. Er kam täglich zweimal zur Weide, um sie zu melken, doch nun versiegte die Milchquelle.

»Alte,« sagte der Bauer, »was ist los mit dir? Willst du streiken oder bist du krank? Na komm, stell dich nicht an. Warst doch sonst immer ein braves Tier.«

Er tätschelte seine Kuh freundschaftlich am Hals, wollte aber nicht auf ihre Milch verzichten. Deshalb holte der Bauer den Tierarzt. Der stellte fest, dass die Kuh völlig gesund war. »Wenn sie fräße,« meinte der Tierarzt, »wäre alles in Ordnung. Red ihr nur gut zu, ich kann da nicht helfen. Oder soll ich ihr Appetit anregende Pillen verschreiben?« Er lachte und ging davon.

Nach einigen Tagen hatte die Kuh die schlimmsten Hungerqualen verwunden. Glücklich lächelnd ging sie behutsam über die Weide, in der die Pflanzen so stattlich heranwuchsen, dass sie von den Tritten der Kuh zwar noch umgelegt, aber nicht mehr ernstlich verletzt wurden. Sie beugten sich freiwillig vor den mächtigen und doch friedlichen Schritten, wie sie sich schon immer unter dem Wind gebeugt hatten.

Aber der Gang der Kuh wurde immer schlurfender, bis sie eines Tages vor Schwäche zusammenbrach. Da ließ der Bauer sie auf der Weide notschlachten, verkaufte das Fleisch und erwarb für das Geld zwei Kälber. Die tummelten sich fröhlich auf der Weide und waren so gute Freundinnen, dass sie gar nicht auf die Liebe der Blumen und der Gräser angewiesen waren. Sie fraßen bedenkenlos und mit Behagen, was doch augenscheinlich nur für sie gewachsen war.

 


 

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