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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 134
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Der verbrauchte Kugelschreiber

Es war einmal ein Kugelschreiber, der fühlte sein Ende nahen. Als er in den letzten Zügen lag, wollte er besonders schön schreiben, um bei seiner Herrin einen guten Eindruck zu hinterlassen. Doch ausgerechnet jetzt brachte er nur Kleckse zustande.

»Tja, mein Freund, das war's dann ja wohl,« sagte die Frau und warf ihn in den Mülleimer. Von hier gelangte der Kugelschreiber weinend in einen großen Container, wo ihm viel altes Gerümpel Gesellschaft leistete, alles Abfall des menschlichen Lebens. In seiner haltlosen Verzweiflung lief der Kugelschreiber nun völlig aus, so dass nur ein Tropfen seines Lebensgeistes zurückblieb.

»So elendig muss ich zugrunde gehen?« fragte er sich schluchzend. »Früher hat man gelobt, was alles in mir steckte, kaum bin ich verbraucht, werde ich auch schon weggeworfen. Ungerecht ist das Leben, sehr ungerecht.«

Da kam der Wind zu Besuch. Er hielt sich von Zeit zu Zeit gerne in dem alten Container auf und wühlte neugierig darin herum.

»Was jammerst du?« fragte er, obwohl er es genau wusste. »Bist du etwa traurig, weil du endlich frei bist?«

»Spotte nur,« erwiderte der Kugelschreiber, »ich weiß, dass nichts schöner ist, als von einer guten Hand geführt zu werden. Mit der sogenannten Freiheit kann ich überhaupt nichts anfangen.«

»Schon gut,« besänftigte ihn der Wind, »ich weiß es ja, du hast die schönsten Briefe geschrieben, die ich je gelesen habe.« Mit dieser Übertreibung wollte er dem Kugelschreiber schmeicheln, doch dieser war ehrlich und wollte nichts davon wissen.

»Lass mich in Ruhe mit deinen schalen Komplimenten. Ich weiß genau, dass mancher Füllfederhalter mir überlegen war, aber für den Hausgebrauch war ich immer korrekt.«

»Dann sei zufrieden und mach es dir bequem, damit du deinen Lebensabend genießen kannst. Du denkst, dass du stirbst, und vergisst dabei, dass der größte Teil deiner Leistungen weiterlebt. Denk doch mal an die Liebesbriefe, die du geschrieben hast,an die Verträge, an die Haushaltszettel, an die Schulaufgaben des Kindes, dem die Mutter dich auslieh. Du warst doch nützlich bis zum Ende deiner Kräfte, was willst du mehr als die Erinnerung daran, dass du tüchtig warst.«

»Wenn wenigstens der Dreck nicht wäre,« antwortete der Kugelschreiber mit einem letzten Seufzer.

»Unsinn,« antwortete der Wind im Befehlston, »du hast ein hartes Fell und eine sehr schwache Nase, es wird dir nicht schwer fallen, dich mit deinen Leidensgenossen zu vertragen. Sei nur nicht so pingelig. Die Schublade, in der du bisher aufbewahrt wurdest, war auch nicht aufgeräumt. Aber komm her, ich lockere deine Umgebung, damit du dich etwas bewegen kannst, nein, lieber nicht, sonst rutscht du nach unten weg, weil du so schlank bist. Bleib nur ruhig liegen, ich hole dir Gesellschaft.«

Der Wind verschwand für einen Augenblick, dann kehrte er mit einer Handvoll Blätter aus einem nahen Baum zurück.

»So, mit diesen Gesellen kannst du dich wohlfühlen, sie werden dich an deine Papierblätter erinnern. Aber sie werden bestimmt nicht erwarten, dass du auf ihnen schreibst. Im Gegenteil, von nun an machst du dich beliebt, wenn du gar nichts tust.«

Da lächelte der Kugelschreiber. Und als der Wind sich verzogen hatte, erzählte er den Blättern aus seinem Leben, aber ganz ohne Druck, und traumhaft plappernd schlief er schließlich in den Tod.

 


 

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