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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 129
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die lebensfrohe Kreide

Es war einmal ein Stück Kreide, das lag dösend vor der großen Wandtafel und wartete auf seinen Einsatz. Eines Tages war es soweit: Der Lehrer befreite es aus seiner Hülle und begann, damit zu schreiben. Es tat ein bisschen weh, und doch freute sich die Kreide darüber, endlich etwas zu leisten. Eine ganze Schulklasse staunte über ihre mal feineren, mal flächigeren Linien. Die reine Begeisterung aber kehrte nicht ein.

Da die Kreide nicht dumm war, begriff sie gleich, dass die Kinder so verhalten reagierten, weil sie alles lernen mussten, was die Kreide an die Tafel schrieb. Das störte den Genuss an den schönen Buchstaben. Deshalb beschloß die Kreide, sich genau einzuprägen, wie man Linien zieht.

Dann erhob sie sich eines nachts aus ihrer Schale und begab sich allein an die blankgeputzte Tafel. Und nun zeichnete sie, was sie in einem Buch des Lehrers auf dem Pult sah: Ein wunderbar gewölbtes Pferd, ein krauswolliges Schaf, eine sperrig gehörnte Ziege. Rundherum schuf sie Bäume und im Hintergrund ein Haus, aus dem eine Frau ihrem Mann nachwinkte, der zur Arbeit ging. Zuletzt schraffierte die Kreide, die nur noch ein kleiner Stummel war, das viele üppige Gras, und zwar solange, bis sie ihr letztes Körnchen hingegeben hatte. Sie bestand nämlich aus Kalkstein, der sich ziemlich rasch verbraucht.

Da höhnte ein noch ganzes Stück Kreide: »Das hast du nun von deiner ungezügelten Spielerei. Jetzt bist du hin und hättest doch noch viele Tage leben können.«

Das verbrauchte Stück Kreide konnte nicht mehr antworten. Für sie sprach das Bild von der Tafel: »Aber siehst du denn nicht, was aus mir geworden ist? Ich bin ein Bild, eine Szene. Die Kinder werden begeistert sein.«

»Jaja, vielleicht, doch dann putzt der Lehrer dich weg.«

»Na schön, damit könntest du Recht haben. Aber ich habe wenigstens eine Nacht lang richtig gelebt. Und vielleicht tue ich diesem oder jenem Kind so gut, dass es viele Jahre an mich denkt. Einige wissen ja noch gar nicht, dass man das Vergängliche bannen kann. Der eine putzt mich weg, der andere macht Bilder nach meinem Vorbild. Ich bin mit meinem Schicksal zufrieden.«

 


 

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