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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 125
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die ausgewanderten Kornblumen

Es war einmal eine Kornblume, die wuchs glücklich am sonnigen Mittelmeer und war schön in der Gemeinschaft vieler tausend anderer Kornblumen, die sich zu einem blauen Zauberfeld zusammengetan hatten.

Eines Tages aber kam es der Kornblume in den Sinn, sich hervorzutun und nicht mehr unterzugehen in der allgemeinen Schönheit ihrer Art. Also machte sie sich auf den Weg nach Norden und nahm nur einen Gefährten mit, um nicht ganz alleine dazustehn.

Die beiden erreichten ihr Ziel in tatenlustiger Frische, ließen sich nieder und pflanzten sich fort, ohne es recht zu merken.

Wie blaue Wunderblumen standen sie und ihre Familie im unwirtlichen Klima des Nordens, viel bestaunt und geliebt. Manch eine musste sich opfern, weil die Menschen die hübschen Einwanderer so gerne pflückten, um sie im Wohnzimmer aufzustellen.

Dennoch vermehrten sich die Kornblumen so siegreich, dass sie viele Äcker eroberten, und nicht selten bedrängten sie das nützliche Korn.

»So geht das nicht,« sagten da die Menschen, »ihr dürft euere Schönheit nicht missbrauchen, um uns zu schaden. Unser Korn ist nicht so lieblich und himmelfarben wie ihr, aber wir brauchen es dringender als euch.«

Die Kornblumen glaubten aber, das grannige Getreide könne nie und nimmermehr so wichtig sein wie sie mit ihren weichen Strahlenblüten, das würden die Menschen schon einsehen, sobald es mehr Blumen als Korn gäbe. Sie vermehrten sich also weiter, bis das Getreide aufstöhnte und schließlich entkräftet nachgab.

Da streuten die Menschen Gift, das nur auf Kornblumen tödlich wirkte.

Und im nächsten Jahr gab es sie nicht mehr. Doch das Korn gedieh so fruchtbar wie zuvor.

»Eigentlich schade,« ärgerten sich die Menschen, »aber warum konnten sich die Blumen nicht damit begnügen, das Feld zu schmücken statt es gleich zu überwuchern. Als Gäste hätten wir sie gern behalten.«

 


 

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