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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 110
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die verfaulte Kartoffel

Es war einmal eine Kartoffel, die lag an einer Ackerfurche im angehäufelten Sand und ahnte, dass sie sterben sollte:

»Ich fühle mich so elend. Ich merke richtig, wie ich verfaule,« wimmerte sie leise vor sich hin. »Und es ist kein Trost, dass alle Pflanzen und alle Früchte sterben müssen. Wie können Sonne,Regen und Wind mich so im Stich lassen? Habe ich nicht nur für sie gegrünt und geblüht? Dass die Natur so herzlos ist!«

Es half ihr aber alles nichts. Auch das Flehen erregte nicht das Mitleid der Natur, die sich von ihrem Geschöpf zurückgezogen hatte, um es nur noch der Gier der Erde zu überlassen. Diese aber entzog ihr alle Kraft, so dass sie ohnmächtig wurde und sich ohne weitere Schmerzen auflöste.

Am Ende des nächsten Sommers aber erhob sich aus der toten Kartoffel eine neue Pflanze. Sie drängte sich fröhlich durch die Ackerkrume an's schattige, diesige und helle Sonnenlicht; ganz egal, wie's Wetter sich aufführte, sie wuchs jungenhaft weiter. Und als sie ausgewachsen war und ihre großen Blätter die ganze Pracht der Sonne, des Regens und des Windes genossen, da bildeten sich neue Kartoffeln, lebenslustige Sprossknollen, die nichts weiter im Sinn hatten, als den Menschen in den Mund zu wachsen oder aber für wieder neuen Nachwuchs im nächsten Jahr zugrundezugehen. Nachts allerdings träumten sie von ihrer edlen Mutter, die sich für sie aufgeopfert hatte.

 


 

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