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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 109
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das höchste Glück eines Kaninchens

Es waren einmal zwei Kaninchen, die lebten in einer freien Landschaft und konnten machen, was sie wollten. Im selben Revier tummelten sich aber auch ihre großen Verwandten, die Hasen.

»Weißt du was,« sagte eines Tages das eine Kaninchen zum anderen, »hier können wir nichts werden. Ich will höher hinaus. Kommst du mit?«

Als er so fragte, lagen die beiden Kaninchen in einer warmen Hügelmulde. Die Sonne schien, als wollte sie sich mit der Erde verheiraten und vorher noch schnell sämtliche Blüten aus ihren Knospen locken, um seine Braut blumig und duftig zu schmücken.

»Ich komme nicht mit,« antwortete das andere Kaninchen und mümmelte leicht vor sich hin. »Hier ist es doch schön. Spürst du denn nicht, wie angenehm die Sonne scheint?«

»Aber ja, natürlich spür ich das. Das ist es ja gerade. Ich will ihr näher kommen. Ich steig ins Gebirge. Ganz oben, da muss es erst recht sonnig sein. Das pure Sonnenglück rieselt da oben ins Gras, das sag ich dir, das pure Sonnenglück. Ist doch klar. Bis die Strahlen uns hier unten erreichen, sind sie matt und kühl. Also. Kommst du nun mit oder nicht?«

»Nein, neinnein, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Geh du nur allein.«

»Du vergisst wohl die Wolken mit ihren Regenschauern und den Wind. Da oben, ganz oben sind keine Wolken, glaub ich wenigstens. Und vor dem Wind kann man sich leicht in Felsnischen verkriechen, davon gibt es da oben mehr als genug. Sei kein Frosch, komm mit.«

»Nein. Lass mich in Ruhe. Hier kenne ich mich aus, hier bin ich selbst mit den Unbilden vertraut und weiß, dass ich mich vor ihnen schützen kann. Zu viel Glück ist vielleicht gar nicht so gut wie du denkst.«

»Ach! Du bist ein Dummkopf!«

Nach diesem wütenden Abschied machte sich der ehrgeizige Glückssucher allein auf den Weg. Er stieg hoch und höher, bis hinauf in die höchste Spitze des Gebirges. Und da er sich tüchtig abrackerte, spürte er nicht die nach oben zunehmende Kälte. Nein, ihm war heiß vor Anstrengung und Vorfreude.

Am Ziel aber gönnte sich das Kaninchen endlich Ruhe. Es legte sich erschöpft nieder, blinzelte noch einmal glücklich in die Sonne und schlief selig träumend ein.

Am nächsten Morgen war es erfroren.

 


 

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