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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 108
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Das winzige Känguru

Es war einmal ein Känguru, das war fast zwei Meter groß, und wenn es sein musste, konnte es zwölf Meter weit springen, so stark war das Känguru – obwohl es nur Pflanzen fraß und kein Fleisch. Dieses riesige Känguru war sehr stolz auf sich, und als seine Frau ihm eines Tages anvertraute, dass sie ein Baby erwarte, küsste er sie und sagte:

»Du darfst jetzt nicht mehr so große Sprünge machen, sonst könnte dem Kind etwas passieren, noch ehe es geboren ist.«

Er dachte nämlich, sein Kind brauche viel Platz im Mutterleib und könne bei heftigen Bewegungen rundum anstoßen und sich verbiegen und verwachsen.

Schon nach wenigen Tagen geschah das Wunder, das erschreckende Wunder: Das Känguruweib gebar einen Jungen. War es ein Junge? War es überhaupt ein Känguru?

Der Vater sah auf den drei Zentimeter langen Wurm, auf diesen Winzling, der wie ein kleiner Finger am Bauch der Mutter hochkroch, und wich entsetzt zurück:

»Was ist das denn?« fragte er und äugte mal von der linken, mal von der rechten Seite, wobei er den Kopf hin und her neigte, was wie eine große Verneinung aussah.

»Das ist doch nicht unser Kind!?«

Die Mutter aber lächelte aus innerstem Glück. Ohne auf den Vater zu achten, leckte sie dem Winzling eine Speichelstraße bis herauf zu ihrem Bauchbeutel, so dass er daran emporgleiten konnte. Kopfschüttelnd wandte der Riese sich ab. Wie konnte das sein, dass er ein solches Nichts als Sohn hatte oder auch als Tochter, darauf kam es schon gar nicht mehr an. Dann sprang er wütend davon.

Sieben Monate lang trieb sich das von seiner Frau und sich selbst enttäuschte Känguru im Land umher. Da er aber nirgendwo heimisch wurde, kehrte er schwermütig zurück, dunkel wie ein See bei Nacht, wenn nur wenige Sterne scheinen.

Seine Frau begrüßte ihn mit einem Kuss und tat, als wäre er gar nicht fortgewesen. Er wagte aber nicht, sich nach seinem Kind zu erkundigen.

Das war auch nicht nötig, denn als er die Mutter umarmte, um sich zu vergewissern, dass sie ihm wirklich verzieh, störte ihn ein lebhaftes Krabbeln in ihrem Beutel, und herausschaute ein kleiner Kängurukopf, der saß ganz offensichtlich auf einem richtigen Känguruhals, und darunter erkannte der Vater ganz richtige Känguruarme und, und, und –. Er konnte es gar nicht glauben: Aus dem Würmchen war ein kleiner Junge geworden, ein richtiges kleines Känguru!

Da machte der Vater vor Freude einen riesigen Luftsprung. Hinterher sagte er zu seiner Frau:

»Wenn das so weitergeht, ist der Kerl bald größer als wir beide. Wie kann das sein, dass solche Wunder geschehen?«

»Das Wunder wäre nicht so groß, wenn du vorher mehr Vertrauen gehabt hättest,« antwortete sie philosophisch, »aber lass es gut sein; im allgemeinen ist es ja besser, nicht mit dem Glück zu rechnen; es überrascht zu gern, und wenn man's prophezeit, kommt es bestimmt nicht, wie aus Trotz. Hier allerdings, mein lieber Mann, handelt es sich um ein ganz natürliches Wunder, das hat seine Gesetze und kann nicht machen, was es will.«

Der Mann hörte kaum zu, er spielte mit dem Kindchen, bis ihm einfiel, dass er seine Frau schon zu lange vernachlässigt hatte. Er eilte davon und holte ihr zu fressen.

Neun Wochen dauerte es, bis der Kleine zum ersten Mal aus dem Beutel seiner Mutter sprang, um den Vater auf einem kurzen Ausflug zu begleiten. Nach neun weiteren Wochen war er schon so selbständig, dass er ganz auf den Unterschlupf bei der Mutter verzichten konnte.

Als er endlich ausgewachsen war und so stattlich wie sein Vater, sagte dieser:

»Was für ein Segen, dass du normal bist, mein Junge. Ich hatte schon Angst, du könntest zu groß werden.«

 


 

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