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Gedichte

: Gedichte - Kapitel 104
Quellenangabe
titleGedichte
authorHelmut Wördemann
modified20170815
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Die hübsche Jacht

Es war einmal ein Schiff, eine schnittige Jacht. Sie war so schön, dass niemand Anstoß daran nahm, wenn sie sich eitel wie ein Schwan auf den Wellen wiegte. Im Gegenteil: der Zuschauer genoss den Anblick der sich sanft bewegenden rot-weißen Formen und fand es völlig gerechtfertig, dass so ein hübsches Ding sich als Königin des Hafens aufspielte.

Neben diesem Luxusboot lag ein schwerfälliger Schleppkahn, der außer der Mannschaft keine Menschen transportierte, sondern Zement zum Häuserbauen. Er war sehr verstaubt und hässlich und hätte sich lieber in einer Ecke des Hafens verstecken sollen. Seite an Seite mit der schmucken Jacht machte er einen besonders schmierigen Eindruck. Obwohl man diesen Kahn allgemein als nützliches Fahrzeug anerkannte, ruhte doch das ganze Wohlwollen der Zuschauer auf der Jacht. Denn beim Zuschauen ist der Mensch wie ein Lufthauch, der sich in das heineinwebt, das er betrachtet, und sich mit der Seele des Objektes verquickt.

Eines Tages liefen die beiden Schiffe aus, das eine zu einer Vergnügungsfahrt, das andere, um leichte Güter fortzubringen und neuen Zement zu holen. Nach einigen Stunden aber brach ein Orkan aus den Wolken und schlug mit Händen, die größer waren als ein Ackerpflug, in das Wasser, auf dem die Schiffe schwammen.

Die Wellen bäumten sich schreiend auf zu heftigen Wogen und versuchten, sich zu wehren. Doch der Wind riss sie gefühllos aus ihren ruhigen Tiefen, um sie gegen das ferne Ufer zu treiben und um sie gegen alles Feste zu schleudern, das ihm im Wege war.

So fielen sie auch über die Jacht und über den Schleppkahn her. Sie warfen sich mit ungeheuerem Gewicht auf die Planken und wirkten so massiv, als schüttete ein Geisterkran immer wieder eine bunt schillernde Ladung Kies aufs Deck der Schiffe. Sie ächzten unter dieser dauernd wiederholten Belastung, und die Jacht barst fast auseinander. Sie wurde manövrierunfähig und konnte nicht mehr aus eigener Kraft in den sicheren Hafen zurückkehren.

Das bemerkte die Mannschaft des Schleppers, der sich zwar auch ängstlich unter den derben Angriffen der Wellen duckte, der aber nicht so schnell kaputt zu kriegen war. Als Frachtschiff konnte er einiges ertragen. Die Besatzung drehte bei, näherte sich dem Luxusschiff, warf ein Zugseil hinüber, das drüben befestigt wurde, und schleppte die ramponierte Schönheit in die ruhigen Gewässer zurück.

 


 

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