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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 41
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Am 50. Jahrestag der Beerdigung Ferdinand Raimunds.

(Gesprochen von Ludwig Anzengruber am Grabe Raimunds in Gutenstein am 8. September 1886.)

Als man vor fünfzig Jahren ihn zur Erd' gebettet,
Ihn, dessen sinn'ger Ernst und heiterer Humor
Oft unsrer Väter sorgenvolle Stirn geglättet,
Da wußt' die Welt noch nicht, was sie an ihm verlor;
Sie wußt' es nicht in jenen leichtbewegten Tagen –
Und mochte sein Verlust sie schmerzen noch so tief –
Daß sie in ihm den Meister hat zu Grab getragen
Der Poesie, die still im Volkesherzen schlief;
Die wußte er, wie nach ihm keiner, zu erwecken,
Er hüllte Freud' und Leid in märchenhafte Pracht,
Es war wie froher, farbenreicher Träume Necken,
Aus denen reinern Herzens man dann aufgewacht!
Wir aber stehen hier an seines Grabes Scholle
Ein anderes Geschlecht, als wie sein Tag geschaut,
Es ist in harter Zeit uns eine ernstre Rolle,
Ein mächtig' Ringen um die Zukunft anvertraut.
Es lieget unserm Sinn das Feenreich verschlossen,
Des Märchenzauber unsre Eltern einst entzückt,
Ob wir durch eigne Schuld uns nun daraus verstoßen,
Ob rauhe Wirklichkeit demselben uns entrückt!
Doch können vollbewußt wir ihn jetzt höher werten
Den Meister, der die edelsten Gebilde schuf,
Als jene, die mit ihm gewandelt auf der Erden
Und deren Urteil oft verwirrte sein Beruf.
Was er mit liebevollem, künstlerischem Walten
In kühnen, sichern Strichen hatte konterfeit,
Die kernigen, die rührend treuen Volksgestalten,
Die finden lebend wir noch unter uns zur Zeit;
So öffnet sich trostreicher Ausblick in die Ferne:
Daß zäh' das Volk der Zeiten Wechsel halte stand,
Und daß sich stets in seines Wesens tiefstem Kerne
Verständnis für das Schöne und das Edle fand!
Daß jener Bilder Treue lebend sich erneuet,
Bezeugt die Meisterschaft der Feder, die sie schrieb,
Und daß er reicher Hand des Edlen Saat gestreuet,
Das zeugt für seines armen Herzens Menschenlieb',
Obgleich ein herb' Geschick ihn dorn'ge Pfade lenkte.
Und uns, entrücket seiner Tage Neid und Gunst,
Gilt er, den man vor fünfzig Jahren hier versenkte,
Als edler Mensch und echter Meister seiner Kunst!
Und wenn wir heute, ihn zu ehren, kommen,
So missen wir, es rührt ihn Schmähung nicht noch Dank,
Seit er in das Urewige mit frommen
Und stillergebnem Sinn zurückesank.
So treuer müssen mir die heil'ge Pflicht bewähren:
Sein Angedenken zu erhalten reg' und wach:
Ein Volk, das seiner Toten wohlverdiente Ehren
Verkümmern läßt, das lebt sich selber bald zur Schmach!
Wenn wir mit duft'gen Kränzen nun und Zweigen
Die Gruft dir schmücken – heilig sei uns deren Ruh'! –
So wollen wir nur deiner wert uns zeigen,
Du edler Mensch und liebenswerter Meister, du!

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