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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 39
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Epilog zu Raimunds ›Verschwender‹.

Gesprochen im Theater an der Wien am 50. Jahrestag der ersten Aufführung.

(März 1881.)

Vor fünfzig Jahren, als der Vorhang sank
Nach diesem Spiele reicher Phantasie,
Erbrauste durch das volle Haus der Dank,
Dem frohbewegt die Menge Ausdruck lieh;
Doch über jenes Saales Schwelle
Drang an der Nachwelt Ohr des Meisters Ruf,
Der so zu tiefst aus Volkesseele
Die reinsten, edelsten Gebilde schuf!
Geändert haben sich die Zeiten
Und die Gemüter wurden kalt und hart,
Doch kennen sie kein Widerstreiten
Gen Meister Raimunds anmutsvolle Art,
Es schlägt sie sein naives Schildern
Noch heut wie Jugendtraum in süßen Bann –
Und die Allegorie in Bildern
Sie mutet fast mit weicher Wehmut an;
In seinem künstlerischen Walten
Da wurden Alter, Jugend, Haß und Neid
Ihm zu leibhaftigen Gestalten,
Zum Eingriff in der Menschen Los bereit.
Er scheuchte weg von sich die Ahnung,
Die nun des Menschen Seele bang bewegt
Mit jener furchtbar ernsten Mahnung:
Daß jeder selbst sein Los im Innern trägt,
Daß nichts heran von außen dränge,
Daß ihn von außen hielte keine Macht,
Wenn er nicht harten Griffs bezwänge
Den Dämon, der ihm in der Brust erwacht!
Das liegt des Meisters frohem Kerne
Als Künstler wie als Menschen fremd und weit,
Er führt das Feenreich, das ferne,
Verklärend ein in die Alltäglichkeit
Und gibt so volle, heitre Lichter
Und setzt so frische, satte Farben hin,
Daß man auch heute lauscht dem Dichter
Noch mit der Ahnen gläubig regem Sinn.
Er selbst ein Flottwell, dem zum Lohne
Auch einer Cheristane Lieb entsprach,
Volksmuse, die aus ihrer Krone
Für ihn die reichsten, schönsten Perlen brach;
Verschwendet wohl, doch nicht verzettelt
Hat er vom Schatz, der ihm verliehen ward,
Und auch nur bei sich selbst gebettelt,
Wie es der reichsten Geister Eigenart.
Die Muse konnte auch den Meister
Zum Scheidegruß verweisen auf das Dort:
Auf den Verbleib im Reich der Geister;
Sie hielt getreulich ihrem Liebling Wort!
Den Besten zählt er bei im Bunde
Und nicht vergänglich nur erwarb er Huld,
Zahlt doch mit dieses Festes Stunde
Die Vaterstadt hier eine Ehrenschuld!
Und über dieses Saales Schwelle
Trägt jeder weiter nun des Meisters Ruf,
Der so zu tiefst aus Volkesseele
Die reinsten, edelsten Gebilde schuf!

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