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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 37
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Nach fünfundzwanzig Jahren

(1848-1873)

Als sollte jeder Atem Friede trinken,
So ernst und schweigend ruht es in den Lüften;
Es scheint der Mond, die Gräberkreuze blinken,
Des Heilands Bildnis strahlt ob allen Grüften.
Da regt es an der Kirchhofmauer sich,
Da klettert es hinan und gleitet nieder,
Da steht ein Männlein alt und kümmerlich
Und stützt aufs nächste Kreuz die müden Glieder.
Aufatmend blickt er über 'n weiten Plan,
Dann fährt er seufzend mit der Hand zum Herzen...
Dort winkt der Obelisk, und golden dran
Erglänzen sie, die Tage jenes Märzen,
Dem wir ein treu' Gedächtnis noch bewahren,
Der uns in heiliger Erinn'rung steht,
Und der uns einst vor fünfundzwanzig Jahren
Wie süßer Völkerfrühling angeweht!
An diesem Grabe knieet nun der Greis,
Das Gitter streicheln zitternd seine Hände,
Und unter sich, zur Erde spricht er leis,
Als ob sein Wort Gehör bei Toten fände:
»Ich hab' um euch, der Freiheit Saat, getrauert,
Ich war dabei, als man zur Gruft euch senkte, –
Nicht lange hat die Herrlichkeit gedauert,
Ich war dabei, als man erschoß und hängte.
Ich komme jetzt zu euch, geliebte Tote,
In stiller Nacht, im Mondenlicht, alleine,
Es kommen wohl mit nächstem Morgenrote
Mit Kränzen und mit Fahnen die Vereine,
Ihr werdet Sang und viele Reden hören,
Manch gutes und manch unbedeutend Wort;
Ich wollte bitten, lasset euch nicht stören,
Und bleibt in eurer Ruh' und schlafet fort.
Und wenn sie euch mit schönen Worten sagen,
Wie endlich obgesieget doch das Licht
Und wie der Freiheit Bau in unsern Tagen
Das ganze Reich umschließt ... o glaubt es nicht!
Man wird von ›Rechten‹ und ›Freiheiten‹ reden –
Hier schließt die Mehrzahl stets die ›Mehrheit‹ aus –
Wir hielten doch für alle und für jeden
Mit einem Recht und einer Freiheit Haus!
Sie fochten einen Kampf, der sie wohl ehrt,
So gut es ging, that jeder seine Pflicht,
Doch nennen sie den Preis des Kampfes wert,
Dann, stille Tote, glaubet ihnen nicht!
Sie stehn ja alle in des Lebens Bann,
Sie werden nicht die volle Wahrheit wagen,
Denn dieses Lebens ganze Wahrheit kann
Doch nur der Sterbende den Toten sagen!
Schon streicht des nahen Morgens kühle Luft
Durch Trauerweiden und durch schlanke Nüstern,
So beuge ich mich denn nach eurer Gruft,
Um es euch rasch und heimlich zuzuflüstern:
Selbst dieser dürft'gen Freiheit Ernte ist
Nicht unter Dach, es drohen rings Gewitter,
Das ist's, warum mein Arm sich krampfhaft schließt,
Zu rütteln hier an eures Grabes Gitter,
O laßt uns der Begeist'rung Lust erfahren,
Die selbstlos in dem Ganzen untergeht,
Wie sie uns einst vor fünfundzwanzig Jahren
Wie süßer Völkerfrühling angeweht!«

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