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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Der Frömmste in seiner Art.

(August 1878)

Das war der Frömmste in seiner Art –
Ich weiß nicht, wie er hieß, –
Den hat der Teufel zur Höll' genarrt.
Da war' das Paradies.

Er schund und zwackte die Seele ihm
Und quält' ihn windelweich,
Und frug mit höllischem Spott und Grimm:
»Ist's hübsch im Himmelreich?«

Bescheiden flüstert der Frommen Zier:
»Je nun, das Ding hat Welt,
Doch frei gestanden, ich habe mir
Das netter vorgestellt.

Ich klopf' bei jeglichem Zwick und Zwack
Demütig an die Brust,
Und denk', es fehlt mir noch der Geschmack
An solcher Himmelslust.

Mir macht auch, trotz all des argen Scheins,
Nicht Grübelei Verdruß,
Da alles, besser wie unsereins,
Der Herrgott wissen muß!« –

Nun hat die Heiligen allesamt
Die Kunde tief erschreckt,
Daß eine Seel, die gar nicht verdammt,
Im Höllenpfuhle steckt.

Sie drängen vor und sie bitten für:
»Erlös ihn aus der Pein,
Und laß zur goldenen Himmelsthür
Die arme Seele ein! «

»Ja,« spricht der Herre, »wie ist mir nur?
Wie komm' ich da zum Schluß?
Hat meiner prangenden Erde Flur
Betreten nie sein Fuß?

Ist er wie blind denn vorbeigerannt –
Gelockt nicht, noch erfreut, –
An all der Pracht, die mit reicher Hand
Ich dort umhergestreut?

Und wenn ihm da noch der Unterscheid
Von Lust und Qual gebricht,
Je nun, da thut er mir selber leid,
Doch helfen kann ich nicht.

So mag er denn leiden ohne Grund,
Bis es ihn selbst verdrießt.
Einstweilen laßt mir den Esel unt',
Bis daß er klüger ist!«

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