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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 32
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
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Regentage.

(Juni 1879.)

Das war an einem Regentag,
Ein Gießen, ein Stürmen, ein Schauern,
Das Wetter hielt mich festgebannt
In kalten, unwirtlichen Mauern.
Wir wohnten just zur selben Zeit
Freuudnachbarlich Stübchen an Stübchen,
Ich trat gar schüchtern bei dir ein,
Du zeigtest die lächelnden Grübchen,
Dein glanzvoll' Auge sah nach mir,
Es ward mir ein wenig beklommen,
Ich war kaum da und wünsche fast,
Ich war' lieber gar nicht gekommen.
Ich wähnte dich mein Ideal,
Ich hatte vor sämtlichen Frauen
Sehr viel Respekt und manchmal gar
Ein süß andächtiges Grauen.
O Jugendtraum, ich bracht' es nicht
Zuwege, daß ich dich verlachte,
Durch den ich meine frohste Zeit
In reinster Gesellschaft verbrachte.
Ich saß ganz selig neben dir,
Ganz selig, doch freilich auch stumm,
Du hast ein paarmal still für dich
Gelächelt, ich weiß jetzt, warum.
Mir galt mein Schweigen für beredt
Und jegliches Wort für vermessen,
Ich ward ein andrer dazumal
Als ich dir zur Seite gesessen.
Wie lauhinweh'nde Frühlingsluft
So fächelte mich noch das Leben
Und alles schwamm in Färb' und Duft.
Die Welt war mir eigen gegeben,
Mir eigen ganz, so daß sie mich
In all ihrer Fülle entzückte,
Daß sie kein Wunsch und kein Begehr'
Entheiligte oder zerstückte.
In diesem Ganzen hast auch du
Als rosige Flocke getrieben,
Ich haschte in Gedanken dich,
Doch ist's beim Gedanken geblieben;
Denn wenn ich dir auch Freiheit ließ,
So bist du mir doch nicht entronnen,
Es hielt dich ja das gleiche Netz
Mit sonnigen Fäden umsponnen.
Doch sann ich, wenn dein Aug' mich traf,
Der Rede helllachende Töne,
Wie du vermochtest da zu sein
In all solcher Anmut und Schöne?!
Und ich entschloß mich ohne Laut,
Die Lust deines Anblicks zu tragen,
Was mich bewegte, konnte ich
In Worten dir nimmermehr sagen, – – –
Es dunkelte und Lichter rings
Erhellten allmählich die Straßen,
Da rücktest du den Stuhl und sprachst:
»Herr Nachbar, ich muß Sie verlassen!«

Und wieder war's ein Regentag,
Da sah ich zur Kirche dich fahren
In weißem Kleid, den Myrtenkranz
Auf deinen reichwallenden Haaren.
Es fiel ein sanfter Regen nur
In sprühenden Tropfen zur Erde,
Es machte dich verdrießlich und
Du sagtest: »Mich jammern die Pferde!«
Als man dir aus dem Wagen half,
Da zogst du das Füßchen zurück,
Die Gaffer ringsum lachten laut:
Der Regen, der brachte ja Glück!
An einem Pfeiler lehnte ich
Und übte mit grimmen Behagen
Mich in der Kunst, so auszusehn,
Als hätt' ich das Schwerste zu tragen.
Es schien mir ein Verrat, so arg,
Wie jemals nur einer gekartet,
Daß dich ein andrer nahm zur Frau
Und du nicht auf mich hast gewartet.
Doch als ich nach der Trauung Schluß
Dich durch das Gedränge, das dichte,
Am Arm des Gatten nahen sah
Mit freudigem, frohem Gesichte,
Die Wange leise angehaucht
Wie eine erblühende Rose,
Da fuhr am Pfeiler ich empor
Aus meiner weltschmerzlichen Pose
Und trat heran und wünschte Glück,
Ich traf es, darein mich zu schicken
Wie andere, doch schien es mir,
Du danktest mit wärmeren Blicken.

Als wir danach uns wiedersah'n,
Das war erst nach Jahren und Tagen,
Da hat der Himmel sich in Grau
Und du dich in Trauer getragen.
Es mahnte mich von fern dein Schritt,
Ich kannte dich bald an dem Gange.
Das schwarze Kleid, es hob den Schnee
Des Nackens, die Blässe der Wange,
Es brannte durch den dunklen Flor
Dein Auge so feurig wie immer
Und unter schwarzer Krause lag
Das Haar in hellgoldigem Schimmer.
In manchem gabst du freier dich,
In anderem wieder gebunden,
Ich habe dich so schön wie je,
Wenn nicht gar noch schöner gefunden.
Du wiesest auf dein Trauerkleid,
Das sage mir wohl zur Genüge,
Welch schmerzlicher Verlust dich traf.
Dich wundre nur, wie man's ertrüge!

Ob ich es wohl entfernt gedacht,
Dich solcherart wieder zu finden?
Du stündest nun allein wie einst,
Doch müßtest du jetzt es empfinden.
Es wurde dir das Auge feucht,
Ich drückte dir tröstend die Hände,
Als du erzähltest wie dein Mann,
Gelitten gar schwer bis ans Ende.
Er war der Beste von der Welt,
Indessen du habest nicht Hehle,
Daß er nicht ganz vollkommen war,
Er hatte auch etliche Fehle.
Doch was man Glück zu nennen pflegt,
Bemessen mir stets nur persönlich,
Man klage nicht, daß man getäuscht,
Man täusche sich selber gewöhnlich.
Denn wer der Freuden Flüchtigkeit,
Der Sorge Beharren empfunden,
Der habe für das Leben wohl
Die thörichte Liebe bewunden.
Man trete in den Zauberkreis
Nur einmal mit freudigem Hoffen,
Doch freilich hättest du – wer weiß! –
Vielleicht es einst besser getroffen!
Du schlugst den Blick verwirrt zur Erd',
Worauf du zum Gehen dich wandtest
Und mir mit raschen Schritten bald
Im strömenden Regen entschwandest.

Und heute war ein Regentag, –
Ein Gießen, ein Stürmen, ein Schauern,
Der füllte mir die Seele ganz
Mit tiefem, mit herzwehem Trauern.
Da wurde aus der Stube ich
Auf wenige Worte gebeten,
Es stünde außen eine Frau
Die will nicht die Diele betreten.
Ich trat hinaus und sah ein Weib
In ärmlichen triefenden Fetzen,
Ich kenn' sie nicht, du nennest dich,
Ich starre dich an mit Entsetzen.
Wie glanzlos blickt das dunkle Aug',
Die Haare sie hangen in Flechten,
Du langst nach meinen Händen mit
Der hageren, zitternden Rechten.
Bist du es denn? Und hält zur Stund'
Kein quälender Traum mich gefangen?!
Dann kommst du, eine Bettlerin,
Zum ärmeren Manne gegangen.
Die Welt, die einst mir eigen war,
Versucht' ich zu halten vergebens,
Sie wuchs, indes die Arme mir
Erlahmten im Kampfe des Lebens.
Was vor mir lag, das sah so schal.
Ich wäre bankrott in dem Innern
Schon längst geworden, wenn ich nicht
Gezehret von meinem Erinnern.
Zu dem Vergangnen habe ich
Geflüchtet im trüg'rischen Wähnen,
Man könne mir nichts rauben vom
Vergangenen Träumen und Sehnen!
Da plötzlich seh' ich dich vor mir,
Vom Jammer das Auge gefeuchtet –
Das über meiner Jugendzeit
In sonniger Frische geleuchtet –
Und eingeschrumpft die kleine Hand,
Die einst mir die Narbe geschlagen,
Wie knöchern ist der Finger doch,
An dem du das Ringlein getragen!
Wie welk der Mund, des Zauberwort
Nach Jahren besprochen den Schaden
Und wieder mir das Herz begabt
Mit aller Erinnerung Gnaden!
Du stehst vor mir als Bettlerin
Und ahnest nicht, was in die Hände
Ich dir nun lege, wenn auch mit
Der kleinsten, der ärmlichsten Spende! –
Wie ist die ganze Seele mir
Erfüllet mit herzwehem Trauern,
Verweil, verweile Regentag
Mit Gießen und Stürmen und Schauern!
Nur jetzt, ihr Wolken, laßt euch nicht
Vom tosenden Sturme zerreißen,
Nur jetzt von keinem Sonnenblick
Das Düster des Tages durchgleißen,
Daß nicht zum Hohne, nicht zum Spott
In goldenen Schimmer sich kleidet
Die ärmliche Gestalt, die dort
Gebrochen die Straße beschreitet.

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