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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 30
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Reicher Zins.

(Januar 1887.)

Das Zügenglöckchen tönt durchs Tal,
Herr Kurt liegt in des Sterbens Qual;
Er ringt die magern Hände
Und stöhnet in der letzten Not:
»Nimmt denn, du lieber Herre Gott,
Das Ding nicht bald ein Ende?!«

Der Schweiß ihm von der Stirne träuft,
Ein Schauer um den andern läuft
Ihm fröstelnd über 'n Rücken,
Es stehet das Gesinde bang;
Wie zögert doch der Tod so lang,
Als schlich er h'ran auf Krücken.

Er schrecket an des Todes Schwell'
Zurücke wohl des Herren Seel'
Und find't sich unberaten;
Es hauste wild der Graf im Land,
Und Streit und Raub und Mord und Brand
Das waren seine Thaten.

Er zeigt wohl Angst, doch keine Reu':
Es drängen sich die Diener scheu
Nach des Gemaches Ecken,
Den Lippen kein Gebet entflieht,
Und nur ein einzig Dirnlein kniet
Am Bettfuß, bleich vor Schrecken.

Sie war die Tochter einer Magd,
Der einst der Graf es zugesagt,
Weil sie gedient in Treuen,
Zu wachen ob der Dirne Ehr',
Und dächte die zu kränken wer,
Den sollte es gereuen!

Einmal durch trunkner Söldner Schar
Das Mägdlein in Bedrängnis war,
Da stürzt' mit glüh'nder Stirne
Herr Kurt hinzu, die Wehr' in Hand:
»Der Mündel Schimpf, des Vormunds Schand'!
Ihr gebt mir frei die Dirne!«

Die Söldner fochten toll und blind,
Dieweil Herr Kurt gemach bedient
Die ungebetnen Gäste;
Die hatten bald vollauf genug
Und zogen hinkend und mit Fluch
Aus der verwünschten Feste.

Und nun in seines Todes Näh'
Geschieht der Dirne hart und weh,
Sie spricht mit Händefalten:
»Wenngleich, ob seiner Sünden Zahl,
Du ihm verwehrst den Himmelssaal,
O Herr, laß Gnade walten!

O gib, was er auch andern that,
Doch meiner Unschuld Flehen statt,
Das werd' ihm zum Gewinste.
Verdamm ihn nicht zur Hölle Glut,
O glaub, das Fegefeuer thut
Gewiß dieselben Dienste!«

Da seufzt der Ritter: »Welch ein Schwank!
Ein Tröpflein That, ein Meer voll Dank!
Bei meiner armen Seelen,
Ich wüßt' nicht, vor's zu Ende ging,
Daß Gutthat so ein großes Ding,
Sonst würd' ich mehre zählen.

Doch trägt uns wie auf Engelsarm
Zum Himmel guter Thaten Schwärm,
Dann wiegt im Höllenschrecken
Auch eine einz'ge That noch viel,
Es kann kein Flammenzungenspiel
Sie je zunichte lecken.

Daß ich vor heißer Gierde dich
Beschützte, Maid, das wird nun mich
Dort unt' gelinde fächeln ...«
Da sinkt sein Haupt, er streckt sich lang.
Was prägt dir auf die starre Wang',
Du grauer Schuft, ein Lächeln?

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