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Ludwig Anzengruber: Gedichte - Kapitel 27
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleGedichte
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
editorA. Bettelheim. V. Chiavacci. V. K. Schembera.
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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St. Peters Klage.

(Juli 1881.)

St. Peter sprach in trübem Ton:
»Hör mich, Gott Vater und Gott Sohn
Und auch du, lieber heil'ger Geist!
Die Menschen werden jetzt so dreist,
Sie fürchten Teufel nicht, noch Tod,
Und gar ein Leben ohne Gott,
Das planen sie mit frevlem Sinn!« –
Gott Vater spricht: »Wie froh ich bin,
Betrübt dich das, du treuer Knecht?
Ich sag', mir kommt es eben recht,
Du weißt, ich war der ganzen Brut
All meine Tage nicht gar gut,
Ich habe Wasser und auch Brand
Vergebens doch an sie gewandt,
Und Sündflut nicht, noch Sodoms Not,
Nicht Noahs Warnung, noch des Lot
Errettung war zu etwas nütz;
Die Sonne war's in trüber Pfütz',
Die Perle war es für die Säu',
Sie sündigten nur stets aufs neu',
Bis mein Herr Sohn in Jugendstärk'
Besorgte das Erlösungswerk,
Doch wie's gedieh und wie's geriet?
Ich denk' mein Teil und sag' es nit.
Und wenn es kommen thut also,
Wie du gesagt, des bin ich froh.
Wenn sie Nunmehr in Theorie
Ohn' mich zu leben sind bestrebt,
's ist recht, in Praxis haben sie
Ja allzeit ohne mich gelebt.
Wenn statt von ewiger Vernunft
Sie sich von einer tollen Zunft
Stockblinder Kräfte der Natur
Betreuet glauben, ist die Spur
Von Besserwerden schon in Sicht,
Und alles kommt in gute Richt'!
Dann hat es fürder wohl ein End',
Daß man mein' Namen eitel nennt,
Und kommt zu Haus' und kommt zu Rand,
'ne große Dummheit wo zu stand',
Dann kniet kein Schuft mehr wie zum Spott
Und singt: Nun lobet alle Gott!
Und finden sie mit einemmal
Ihr Leben 'ring und eng und schal,
Daß sie in Scham davor erglüh'n,
Erst unsereinen zu bemüh'n,
Ei, dann ist mir – bei meinem Bart! –
Das halbe Regiment erspart,
Denn wenn ich ihnen nimmermehr
Das Gute spend', das Ueble wehr',
So ist's vorbei mit trägem Ruh'n,
Das Gute müssen selbst sie thun,
Des Bösen selber sich erwehr'n,
Das wird sie Lieb' und Klugheit lehr'n –
Nicht kränk' ich gern der Frommen Schar –
Doch dann behagen mir fürwahr
Die gottlos' Racker allermeist!
Wie klug das Ganz' gezielt, geplant –
Das Stückchen ist vom heil'gen Geist!
St. Peter, hast du's auch geahnt?«

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