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Bjørnstjerne Bjørnson: Gedichte - Kapitel 20
Quellenangabe
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typepoem
authorBjörnstjerne Björnson
titleGedichte
publisher
seriesBjörnstjerne Björnson gesammelte Werke in fünf Bänden
volumeErster Band
editorJulius Elias
year1911
translatorMax Bamberger, Ludwig Fulda, Cläre Mjöen, Christian Morgenstern, Roman Woerner
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12921
created20090714
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P. A. Munch †

(1863)

Viele Formen hat das Große.
Er, der von uns ging, er trug es,
Wie wir einen Zweifel tragen,
Der den Schlaf uns raubt, doch endlich
Offenbarung uns gewähret, –
Wie ein höheres Sehvermögen
Leidend über Unsichtbares, –
Einen Flug durch schwere Arbeit
Vom Gedachten zum Gewissen,
Vom Gewissen zum Geahnten,
Der in ruhelosem Drängen,
Gotterfüllt und ewig wechselnd
Unsre Welt im Sturm durchkreuzet,
Ihrer Zweifel und Gedanken
Last ihr von den Schultern nehmend,
Und sie abwirft, und sie aufhebt,
Nimmer matt – doch ewig rastlos.

    Still! Nur ein einziger Zufluchtsort
    Wußte ihn sanft zu versöhnen:
    Seiner Familie lichtmilder Hort,
    Schmeichelnd in Farben und Tönen.

    Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel
    Unter der Birken Schleier
    Mitten in duftender Blumen Gewühl
    Ein in des Walddomes Feier, –

    Kamen die Töchter dann lieblich und leis
    In ihrer Unschuld Klarheit,
    Fächelten Kühlung der Stirne heiß,
    Sprachen von kindlicher Wahrheit, –

    War er bald mitten in Spiel und Lied
    Zärtlich von Tönen umfangen,
    Wolken zerrannen, und hoch im Zenit
    Jubelnd Millionen sangen.

Doch wie in des Herbstes stiller,
Traumhaft schwerer Abenddämmrung
Wetterleuchten die Gedanken
Schreckhaft auf Gewitter lenket, –
Oder wie ein Schlag im Boote,
Das in stiller zarter Mainacht
Schläfrig zwischen Felsen gleitet, –
Nur ein einziges leises Plätschern, –
Doch das Echo jagt es weiter,
Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel
Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn,
Lauschend hebt das Reh sein Köpfchen,
Steine rollen, wach wird alles:
Hunde heulen, Glocken gellen,
Weckend all des Tages Lärmen, –
Also könnt' ihm ein Erinnern,
Daunweich nur im Spiel gefallen,
Wecken der Gedanken Heerschar.

Und dann jagte es durchs Weltall,
Und dann flammt's in seiner Seele,
Doch es ward zu Licht für andre.

Rassenursprung, Wortverzweigung,
Namenquell, Gesetzverwandtschaft,
Groß und Klein in gleichen Qualen,
Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele.
Wo nur Steine andre sahen,
Sah er's glitzern, sah er's funkeln,
Sprengte er den Schacht zum Bergwerk.
Und wo andre vor dem sichern
Funde des Jahrhunderts standen,
Griff ihn Zweifel, und er wühlte
Tag und Nächte bis zum Grunde,
Grub – und sah den Fund versinken.

Doch es ließ sein rastlos Wollen,
Das so vielen Kraft gespendet,
Oftmals übers Ziel ihn schießen.
Klarheit, die er ändern schenkte,
Trog ihn selbst als neue Ahnung.

Darum: wo er schon gewesen,
Kehrte er nur ungern wieder.
Stoff so oft wie Arbeit wechselnd,
Floh er vor dem eignen Denken.
Das Gedachte aber hielt ihn,
Folgte, wuchs gleich einem Brande,
In Brasiliens Wald geschleudert,
Prasselnd vor der Windsbraut fliehend.
Wo kein Menschenfuß gegangen,
Fraß sich's Weg für Millionen.

Nordens Reich streckt seinen Busen
In des Eismeers frostige Nebel,
Finsternis der Wintermonde
Lastet schwer auf Meer und Bergen.
Und den Landen gleich, erstreckt sich
Auch des Volkes tiefste Wurzel
Weit hinein in Nacht und Nebel.
Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm,
Doch wie Nordlicht durch Polarnacht
Blinkte leuchtend sein Gedanke.
Zärtlich wie nach seines Vaters
Angedenken frug er eifrig,
Forschend nach des Volkes Wegen.
Namen, Gräber, rostige Waffen,
Steine brachten ihm die Antwort.
Über Asiens Urwaldberge,
Wüstensand und öde Steppen
Sah er Karawanenspuren
Unterm Moder von Äonen
Heimatsuchend nordwärts deuten.
Wie einst sie den Flüssen folgten,
Folgte ihnen all sein Denken,
Das so reich ins Weltall strömte. –

Sieh, es war ja nur Versöhnung,
Was sein rastlos Schaffen wollte,
Doch die fand er nicht; – statt dessen
Fand er neue Wunderdinge,
– Ganz wie jene Alchymisten,
Die im Suchen nach dem Golde
Zwar nicht Gold, doch Kräfte fanden,
Die noch heut die Welt bewegen.

Tief im Grunde barg sein Wesen
Eine Kraft des Gegensatzes,
So daß Töne, angeschlagen
Von des Nordens hehrer Saga,
Mild harmonisch weiterklangen
In der Sehnsucht nach dem Süden.
Und es war des Auges Flamme,
Des Gedankens Blitz verwandt dem
Feuer des Improvisators
In dem heißen Land der Trauben.
Und sein leichter Stimmungswechsel
Und der Feuergeist, der Frondienst
Tat den lieben langen Winter,
Doch die Frucht oft spielend wegwarf, –
Jener unermessene Reichtum,
Drin Gedanken, Launen, Töne,
Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn
Unaufhörlich glitzernd spielten, –
Das war wie ein Tag im Süden.

Eine Reise war sein Leben
Unaufhaltsam drum gen Süden,
Durch das Nebelland des Ahnens,
Aus dem Dunkeln in das Klare,
Aus dem Kalten in das Warme, –
Und sein Wirken war die Brücke
Über Berg und Meeresströmung.

– – O, und dann des Glückes Stunde,
Da mit Weib und Spielgefährten,
Seinen kindlich frischen Töchtern,
Er dort stand, wo Abendsonne
Kapitol und Forum grüßte, –
Wo aus tiefem Grund der Weltstadt
Weisheit und Erkenntnis sprudeln; – -
Wo jetzt Klarheit, ätherreine,
Die Jahrtausende erleuchtet,
Die zur Ruhe hier gegangen; –
Wo dem Forscher aus dem Norden
War, als sei er allzulange
Irr im Nebel nur gerudert
Auf den tiefen, breiten Fjorden; –
Stand, wo Tote ihre Gräber
Sprengen und als Zeugen schreiten
In der schweren Marmortoga;
Wo die Göttinnen von Delos
In die Freskensäle tanzen
Wie einst vor zweitausend Jahren; –
Wo der Erde wachsend Werden
Pantheon und Kolosseum
Stolz in ihrem Schoße bargen; –
Wo ein Hermes dort am Eckstein
Cato würdig schreiten sah als
Pontifex im Priesterzuge, –
Nero als Apollon schaute,
Opferrauchumhüllten Wahnes, –
Gregor schaute, zornig reitend
Als der Geisterscharen Herrscher
Über alle Erdenreiche, –
Cola di Rienzi schaute,
Huldigend der Freiheitsgöttin
Bei des Römervolkes Jauchzen, –
Sah der Kirche Geistesfürsten,
Leo, sich statt Christus wählen
Aristoteles und Plato; –
Sah dann die katholische Kirche
Stärkre Zeiten neu errichten,
Bis der Franzmann sie zertrümmert,
Und Natur zur Gottheit wurde, –
Sah aufs neu' die alten Frommen
Dann in Prozessionen wallen
Mit dem Lamm als Weltbeherrscher! –
All das sah der kleine Hermes
Dort am Eckstein hinterm Tempel,
Und es sah der nordische Weise
Ihn und seine Visionen. –

– Ja, als er in der Geschichte
Hehrer Klarheit Rom erblickte,
Und sein Auge sinnend streifte
Abendsonnumflammte Höhen, –
Flossen seiner Sehnsucht Strahlen
Über in entzückte Ahnung.
Und – er sah in eine Kirche,
Größer als der Dom des Weltalls,
Und ein Friede sank hernieder,
Über alles Jetzt erhaben. –

Und als er zum zweiten Male
Dorthin kam, durch langer Tage
Müh' und Fleiß – als gält's Erlösung, –
Da ging Gott ihm selbst entgegen,
Führte ihn hinauf und sagte:
» Friede mit dir, du bist Sieger!«

Doch zu uns, die klagen wollten,
Wandte Gott sich um und sagte:
» Wenn ich rufe, wer darf sagen,
Der Berufne sei nicht fertig?«

Er, der stirbt, er war hier fertig!
Sieh, das glauben wir im Schmerze.
Und daß Er, der allen Forschern
Jene Ruhelosigkeit gegeben
(Die Kolumbus trieb und Newton),
Weiß, wann Ruhe kommen soll.

Aber jenen Geistesscharen,
Die verklärt zur Heimat wallen,
Blicken starr wir nach und fragen:
Wer soll abermals sie sammeln?

Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte,
Strömten sie von allen Ländern:
Schweden, Dänemark und England
Und von Frankreich her zusammen;
Übers Meer die Schiffe flogen
Seinem Banner rasch entgegen.

Die gewaltige Königsflotte
Lag vor Anker hier am Strande,
Und es ward uns zur Gewohnheit,
Sie zu sehn und zu befragen
Nach Eroberung und Fahrten.

Was sie uns gewann, bleibt ewig.
Doch sie selbst darf nun zur Heimat.
Fest vereint, sehn wir entschwinden
Überm Meer das letzte Segel,
Wenden uns und fragen leise:
Wer wird abermals sie sammeln?

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