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Richard Zoozmann: Gedichte - Kapitel 92
Quellenangabe
typepoem
authorWalther von der Vogelweide
titleGedichte
publisherWilhelm Borngräber Verlag
editorRichard Zoozmann
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidbc6f353d
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Einst und jetzt

L. 124. Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!

    O Weh! Wohin entschwunden ist mir doch Jahr um Jahr?
War nur ein Traum mein Leben? Ach, oder ist es wahr?
Was ich als wirklich wähnte, wars nur ein Traumgesicht?
So hätt ich denn geschlafen und wüßt es selber nicht?
   Nun bin ich wach geworden und mir blieb unbekannt,
Was mir zuvor vertraut war wie diese jener Hand.
Und Leut und Land, darin ich von Kindheit an erzogen,
Sind mir so fremd geworden, als war es schier erlogen.
   Die mir Gespielen waren, sind heute träg und alt,
Umbrochen ist der Acker, geforstet ist der Wald.
Wenn nicht genau wie einstmals noch heut das Wasser flösse,
Fürwahr, ich wähnte wirklich, daß Unglück mich umschlösse.
Mich grüßet lauwarm mancher, der sonst mich gut gekannt,
Die Welt ist voller Ungnad und fiel aus Rand und Band.
Mit Schmerz denk ich an manchen so wonnevollen Tag,
Der spurlos mir zerronnen als wie ins Meer ein Schlag:
   Für Ewigkeit, o weh!

    O weh, wie sich gehaben die jungen Leute nun,
Wie sind sie voller Kleinmut und wie verzagt sie tun!
Sie wissen nur von Sorgen, doch warum tun sie so?
Wohin den Blick ich wende, ich sehe keinen froh.
   Das Tanzen, Lachen, Singen verging in Not und Leid,
Nie hört ich Christen klagen ob solcher Jammerzeit.
Seht an den Schmuck der Frauen, der einst so zierlich stand,
Selbst stolze Ritter tragen ein bäurisches Gewand.
   Jüngst sind uns Unglücksbriefe von Rom zuhand gekommen:
Man gab uns Recht auf Trauern, die Freude ward genommen.
Nun schmerzt michs tief – wir lebten dereinst so freudenvoll –
Daß ich mein lustig Lachen in Tränen tauschen soll.
Die Vögel unterm Himmel betrübt selbst unsre Not:
Was Wunder, wenns mich selber betrübt bis in den Tod?
Ich dummer Mann, was sprech ich im Zorn manch unnütz Wort?
Wer Erdenwonnen nachgeht, verscherzt die andern dort
   Für Ewigkeit, o weh!

    O weh, man hat vergiftet uns mit der Süßigkeit,
Im Honig seh ich schweben die Galle allezeit.
Die Welt ist außen lieblich, ist weiß und grün und rot,
Doch innen schwarz von Farbe und finster wie der Tod.
   Wen sie verführt, verleitet, der suche Trost und Heil,
Ihm wird für kleine Buße Verzeihung noch zuteil.
Daran gedenkt, o Ritter, auf daß es euch gelinge,
Ihr tragt die hellen Helme, tragt Panzer, Kettenringe,
   Dazu den Schild, den festen, und das geweihte Schwert;
Wollt Gott, ich selber wäre solch eines Sieges wert!
So wollt ich armer Sünder verdienen reichen Sold,
Nicht mein ich Hufen Landes, nicht mein ich Fürstengold:
Des ewgen Lebens Krone, die wollt ich selig tragen,
Die leicht ein Söldner könnte mit seinem Speer erjagen.
Könnt ich die selge Reise doch wagen über See,
So wollt ich jubelnd singen und nimmermehr o weh –
   Für ewig nicht, o weh!

Mit den Briefen ist der im September 1227 gegen Kaiser Friedrich geschleuderte Bannstrahl gemeint.

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