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Richard Zoozmann: Gedichte - Kapitel 88
Quellenangabe
typepoem
authorWalther von der Vogelweide
titleGedichte
publisherWilhelm Borngräber Verlag
editorRichard Zoozmann
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidbc6f353d
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Lebensneige

L. 66, Ir reinen wip, ir werden man

    Ihr werten Männer, reinen Frauen,
Nun ziemt sichs, daß man mir den Zoll
Ehrfürchtgen Grußes bieten soll
Und tiefer ihn als sonst laß schauen.
   Ihr habt nun bessern Grund als je vorher;
Fragt ihr warum? so habt Bescheid:
Wohl vierzig Jahre sang ich oder mehr
Von Minnelust und -seligkeit.
   Gleich andern hoff ich Glück und Heil:
Nun hab ich keins, ihr habts allein.
Mein Sang soll euch stets dienstbar sein –
Und euer Dank nur sei mein Teil.

    Nun laßt fortan mich gehn am Stabe,
Auf daß ich werb um Würdigkeit
Mit unverzagter Freudigkeit,
Wie ichs gehalten schon als Knabe.
   So werd ich, zwar gering, in Ansehn dennoch sein
Und fröhlich ob geringer Ehr –
Die Bösen kränkts, ob mich es kümmert? Nein!
Mich ehrt der Wackre desto mehr.
    Die Würde Edler ist so gut,
Man muß das höchste Lob ihr geben –
Es gibt kein lobenswerter Leben,
Als wer recht bis ans Ende tut.

    Ich hat ein schönes Bild erkoren,
Weh mir, daß ich es je gesehn,
Und ach! ihm Rede mußte stehn,
Da 's Reiz und Sprache nun verloren!
   Ach, alles floh – wohin, das weiß ich nicht:
Das Bildnis schwieg mir fürder ganz.
So kerkerbleich ward 's rosige Gesicht,
Den Duft verlor es und den Glanz.
   Mein Bild, sollst du mein Kerker sein.
So laß mich nur heraus aus dir.
Ein Wiedersehen feiern wir –
Ich muß doch noch in dich hinein!

    Welt, wie du lohnst, hab ich gesehen:
Was du mir schenktest, nimmst du mir.
Wir scheiden alle nackt von dir –
Schäm dich, solls mir auch so ergehen!
   Ich habe Leib und Seel (das war zu viel)
Wohl tausendmal gewagt um dich.
Nun, wo ich alt, treibst du dein Gaukelspiel –
Und zürn ich, so verlachst du mich.
   O, lache eine Weile noch.
Dein Jammertag wird auch bald kommen.
Der nimmt dir, was du uns genommen –
Und brennt dich dann zur Strafe doch!

    O könnt ich froh gen Himmel fahren!
Wie manchem doch mit meinem Lied
Ich Lust und Fröhlichkeit beschied –
Könnt ich dabei mich selbst bewahren?
   Irdischer Liebe Lob tat weh der Seele:
Es sei nur Lüge – sagte sie –
Wo wahrer Liebe Stetigkeit nie fehle,
Da sei stets Freude, Täuschung nie!
   Mensch, flieh ein Glück, das trügerisch,
Und halte treue Minne wert:
Mich deucht, die du bisher begehrt,
Sei nicht bis auf die Gräte Fisch!

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