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Richard Zoozmann: Gedichte - Kapitel 65
Quellenangabe
typepoem
authorWalther von der Vogelweide
titleGedichte
publisherWilhelm Borngräber Verlag
editorRichard Zoozmann
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidbc6f353d
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Der Minne Brauch

L. 57. Minne Du hât einen site

    Minne freut sich eines Brauchs,
Wenn sie den doch meiden wollte,
Ziemte ihr es gut!
   Dient zur Qual manch armen Bauchs,
Den sie doch nicht quälen sollte –
Ach, daß sie das tut!
   Ihr sind vierundzwanzig Jahr
Lieber stets als vierzig gar,
Stellt sich übel immerdar,
Wenn sie sehn muß graues Haar.

    Minne war gewogen mir,
Schenkte reichlich mir Vertrauen,
Heute nimmermehr.
   Wirbt ein Jüngerer jetzt bei ihr,
Pflegt sie scheel auf mich zu schauen,
So von oben her.
   Armes Weib, was dünkt sie sich?
Ach, vergeblich schminkt sie sich –
Toren täuscht sie sicherlich:
Sie ist älter doch als ich!

    Minne nahm sich nun zum Ziel,
Jungen Gecken Gunst zu wahren
Wie ein albern Kind.
   Ob ihr der Verstand entfiel?
Welch ein närrisches Gebahren –
Sie ist wirklich blind!
   Stellte sie ihr Rauschen ein,
Wollte sie bescheiden sein –
Stößt sich doch noch obendrein,
Daß mirs schafft im Herzen Pein.

    Minne halt es mir zugut,
Während sie so mühsam ringt,
Setz ich still mich her:
   Trage einen hohen Mut,
Ähnlich dem, der tanzt und springt –
Und was will sie mehr?
   Diene ihr, wie ichs vermag,
Habe sie für Sechse Plag,
Daß sie mir am letzten Tag
Jeder Woche nur Behang!

Der Sinn ist: Die Minne mag an den sechs Werktagen von irgend einem bedient werden, am Sonntag will ich ihr dienen.

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