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Richard Zoozmann: Gedichte - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorWalther von der Vogelweide
titleGedichte
publisherWilhelm Borngräber Verlag
editorRichard Zoozmann
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidbc6f353d
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Tagelied

L. 88. Friuntlichen lac ein ritter vil gemeit

    Kosend ein Ritter lag
In seliger Liebesnot
In seiner Herrin Armen
Und sah das Morgenrot,
   Wie es durch Wolkenferne
Mit blassem Schimmer brach.
Die Frau bekümmert sprach:
»O weh dir, Morgenrot,
   Daß du mich nicht beim Liebsten
Läßt länger selig sein.
Was sie da nennen Minne,
Ist eitel Herzenspein.« –

    »Vielsüße Freundin mein,
Laß alle Traurigkeit:
Muß ich von dir auch scheiden,
Uns beiden schaffts kein Leid!
   Des Morgensternes Schimmer
Macht schon die Kammer licht.« –
»O Liebster, scheide nicht,
So bitter klingt Ade,
   Womit du mir bedrückest
Des Herzens frohen Mut.
Was eilest du von hinnen?
Wie mir das wehe tut!« –

   »Herrin, du bittest mich?
So geb ich mich besiegt;
Sag denn in kurzem Worte,
Was dir am Herzen liegt,
   Daß wir die Späher täuschen
Heut wie schon manches Mal.« –
»O Freund, ich leide Qual!
Bis daß ich wieder dich
   Umfangen darf, bedrücken
Viel Schmerzen meine Brust.
Bleibst du nicht lange ferne,
Bereitest du mir Lust.«

    »Das wird nur dann geschehn,
Wenns anders nicht kann sein.
Muß ich dich, Teure, meiden
Ach nur ein Stündelein,
   So weilt doch all mein Sinnen
Allewiglich bei dir.« –
»Mein Freund, versprich es mir;
Laß bald dich wieder sehn,
   Falls dir es ohne Wanken
Zu dienen mir behagt!
O weh der Augenweide:
Nun seh ich, daß es tagt!

    »Was helfen Blümlein rot,
Da ich nun muß von dir,
Vielsüße Herzensfreundin?
Die sind zuwider mir
   Gleichwie den kleinen Vögeln
Die kalte Winterszeit!« –
»Das ist auch mir ein Leid
Und immerneue Not:
   Ich seh ja noch kein Ende,
Wie lang ich einsam blieb:
Ach liege noch ein Weilchen,
Du warst noch nie so lieb.« –

    »Nein, Herrin, es ist Zeit,
Leb wohl und laß mich fliehn,
Ich darf um deine Ehre
Nicht länger hier verziehn.
   Sein Tagelied der Wächter
Schon laut erhoben hat.« –
»Ach, Freund, weißt du nicht Rat,
So füg ich mich ins Leid:
   Daß ich dich nun muß lassen,
Viel Herzleid schafft es mir:
Von dem ich hab die Seele,
Der Schöpfer sei mit dir!«

    Der treue Ritter schied
In tiefbetrübtem Mut;
Er ließ zurück die Herrin
In bittrer Tränenflut.
   Doch er vergalt mit Treuen
Die Gunst, die er gewann.
Sie sprach: »Wer nun hebt an
Und singt ein Tagelied,
   Der macht mir alle Morgen
So schwer den frohen Mut.
Nun fühl ich, wie die Sehnsucht
Einsamem Weibe tut.«

Das Tagelied (tageliet, tagewîse) leitet seinen Namen von dem Weck- oder Morgenliede her, mit dem der Wächter den nahenden Tag begrüßt. – Im Original reimt die erste mit der achten Zeile, die zweite mit der letzten (l2. Zeile). Wegen des großen räumlichen Abstandes ist das Ohr nicht imstande, den Reim bei seiner so späten Wiederkehr als solchen zu empfinden. Ich habe daher die Reime klingender angeordnet.

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